Flut-Katastrophe im Ahrtal – die Natur schlägt zurück

Kaum zu glauben, wie so ein kleiner Fluss wie die Ahr ein ganzes Flusstal umgestalten kann. Was für die Bewohner des Tales sich fast nur als grenzenlose Zerstörung begreifen lässt, als Schrecken und Leid, das über viele Familien hereingebrochen ist, zeigt sich entlang des Flussbettes fast so wie eine Art feindlicher Übernahme des Tales durch den Fluss.

Er hat all das für sich bereinigt, was ihn einengte, in seinem Lauf störte, in seinem „Wohlbefinden“ beeinträchtigte – und sich ein neues Bett geschaffen, für sich selbst und die Tier- und Pflanzenpopulation vorbereitet, die an einem kleinen Fluss leben sollte.

Ein Fluss sucht seine Zukunft

Er wird noch lange kämpfen müssen, bis all die Verunreinigungen und Schäden, die seine Widersacher verursacht haben, bereinigt sind, und auch gegen neue Einschränkungen wieder angehen müssen – aber er wird zumindest den längeren Atem haben, spätestens bis zu dem Zeitpunkt, an dem er wieder einmal zeigen kann, wer im Tal wirklich das Sagen hat.

Wir entscheiden uns, nach vielen Wochen endlich wieder einen Blick dort hinein ins Ahrtal zu werfen, wo wir so oft unterwegs waren, nicht nur mehr im Taleingang bei Heimersheim, sondern auch weiter drinnen im Tal, unten auf den Pfaden am Fluss oder oben entlang der steilen Weinberge. Wir wollen auch nur wenige Kilometer fahren, bis kurz hinter Walporzheim, also nicht weit ins Tal hinein, dorthin, wo die ersten Orte direkt nach Bad Neuenahr nur über Schotterstraßen, die Ersatz für die weggeschwemmte Uferstraße sind, erreicht werden können.

Zwischen Idylle und Zerstörung

Kurz hinter Walporzheim kann ab dem Museum Römervilla ein Abschnitt des Rotweinwanderweges mit dem Auto befahren werden, zu ein paar Gaststätten in Aussichtslage und Wanderparkplätzen, mit herrlicher Sicht auf das Tal hinunter.

Man kann sich kaum einen größeren Kontrast vorstellen. Auf der Strecke hinauf in die Weinberge ist man fast auf einem Weg in die Vergangenheit.

Unten im Tal kommt man an zerstörten Gebieten vorbei. Oben in den Weinbergen sind der Rotweinwanderweg und das Ahrtal so, wie man alles kennt. Beschaulich, idyllisch. Rebhänge stehen im Sonnenschein, die Trauben an den Spätburgunderreben werden langsam blau; idyllisch liegen zwei Weingüter in den Hängen. Wenn man nicht wüsste, dass unten im Tal etwas passiert ist – es wäre wie immer, nur dass die vielen Wanderer auf dem Rotweinwanderweg fehlen.

Wer es nicht weiß, dem fällt auch beim Blick hinunter ins Tal nicht viel auf. Aber bei genauerem Hinsehen fallen die Zelte der Hilfsorganisationen auf. Und den wirklichen Unterschied macht die Ahr aus. Bis vor wenigen Wochen schlängelte sich der kleine Fluss durch die Landschaft, oft fast nicht erkennbar zwischen den Bäumen, dann wieder eng umrahmt von Wiesen oder häufiger Weinpflanzungen. Jetzt gibt es da unten keine schmale Ahr mehr, auch keinen dichten Baumbestand – alles weg, was in direkter Nähe war, ersetzt durch Kies und Schotter – ein relativ breiter Flusslauf, mit wenig Wasser.

Die volle Katastrophe zeigt sich, als wir unten im Tal hinunter sind, bei der Bunten Kuh – einem der Wahrzeichen des Ahrtals.

Umgestaltung – nichts mehr so, wie es war

Dieser Felsen ist erstaunlicherweise stehen geblieben – aber die Talstraße, die um den Felsen herum führte, war komplett weggerissen. Mittlerweile wurde aus riesigen Steinen und Schotter eine Piste aufgeschüttet, die von Rettungsfahrzeugen und den Bewohnern des hinteren Tales befahren werden kann. Vom Wald, den es hier überall gab, ist in der Talsohle nichts mehr zu sehen. Die beiden alten steinernen Brücken, die hier standen, sind komplett zerstört – von der einen steht gerade noch ein Überrest, von der anderen ist nur ein Bogen verblieben. Die Bahngleise, die hier über die Ahr führten, sind zerrissen und verbogen.

Weiter hinein ins Tal wollen wir nicht mehr – man ist zwar hoch daran interessiert, wenigstens ein wenig einen Eindruck davon zu bekommen, wie das alles, was man kannte, nunmehr aussieht. Aber man weiß zugleich auch, dass es nicht gut ist und man sich auch nicht gut fühlt, wenn man hier einfach auf Besichtigungsfahrt gehen würde.

Zurück zur Natur?

Man bedauert die Zerstörung – und gerät trotzdem unversehens in eine ziemlich ambivalente Stimmung. Es ist tatsächlich eine schöne Flusslandschaft, die von der Natur hier in vielen Bereichen gestaltet wurde. Wild, ungestüm – so, wie es die Ahr einmal war, bevor sie von Straßen und Betonmauern und Bahngleisen und Radfahrwegen und Uferbefestigungen und in vielen Orten sicherlich auch der viel zu nahen Uferbebauung in Bahnen gelenkt wurde.

Wir sehen unten im Talsockel nicht mehr das „alte“ Ahrtal, so wie es vor der Flut war – die Natur hat sich das Gelände entlang des Flusses zurück erobert – und eine typische, naturnahe Flusslandschaft geschaffen. Und sie hat gute Arbeit geleistet, es ist auf eine besondere Weise schön geworden. Natürlich. Alles Störende irgendwie aus dem Weg geräumt, so gut es eben ging. Vielerorts zeigen sich Talabschnitte ohne geteerte Straße, nur mit einen Schotterweg, nicht wirklich befahrbar für Autos, keine Betonmauern, keine Radwege, keine sichernden Zäune und Leitplanken, kein mehr oder weniger hässliches Gebäude. Wir haben vor uns ein Flussbett wie in tiefen Taleinschnitten in den Bergen. Ein natürliches Flusstal. Und wir hoffen, dass in Zukunft einige Talabschnitte auf diese Weise erhalten bleiben.

Schützen oder befrieden?

Unversehens gerät man ins Grübeln über das, was wir Naturschutz und Hochwasserschutz und was auch immer so nennen – so wirklich geht es dabei ja nie darum, die Natur zu schützen, sondern alles so zu gestalten, dass es so ist, wie wir uns Natur vorstellen. Alles befriedet und kontrolliert, und all das geschützt und erhalten, was von uns als wichtig erachtet wird, für unsere eigene Zukunft tauglich scheint und diese sichern könnte.

Die Natur an sich, die ist im engeren Sinne uninteressant – es geht sehr egoistisch um unsere eigenen gegenwärtigen Interessen. Selbstverständlich wird alles, was darüber hinausgeht, qualitativ so vehement und gehaltvoll umgesetzt wie die gerne bemühte Formel, dass wir die Zukunft unserer Kinder sichern müssten und die Erde nur von unseren Kindern geliehen hätten. Aber all diese Behauptungen und die darauf gründenden Versuche waren immer wenig ehrlich. Jetzt zeigt sich, dass all diese Bestrebungen auch vergebens und hilflos sind – die Natur schlägt zurück, und sie gestaltet die Welt. Nicht nur im Ahrtal.

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