Flut-Katastrophe im Ahrtal – ohne Strom und Wasser

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Am Mittwoch kam die Flut. Nur noch Betroffenheit blieb, als das Wasser irgendwann weg war, nur noch Schlamm und Matsch in den Straßen zu sehen war – und die wenig tröstliche Feststellung, dass wir wohl im Vergleich zu denen, die es ganz übel getroffen hat, noch ganz gut dran sind, da die Wohnung weit oben liegt und das Haus nicht wie andere von schwimmenden Autos, Kleinlastwagen und Containern zertrümmert wurde.

Irgendwann bekam man von Hilfskräften mit, dass die Zerstörungen im ganzen Ahrtal enorm wären, so ziemlich alle Brücken über die Ahr zerstört wären, die komplette Stadt im Talbereich unter Wasser stand und somit auch alle Restaurants, Hotels und Ladengeschäfte verwüstet wären, auch alle Straßen so kaputt und verschlammt wären, dass man nur den Nahbereich um das Haus begehen könne.

Verwüstung – und ohne Strom und Wasser

Strom und Wasser, das würde erst in ein paar Tagen wieder da sein – was uns nicht verwundert, als wir die zerstörten Schaltkästen, die aus der Erde gerissenen Versorgungsleitungen und direkt an der Ahr die herausgeschwemmten Reste von Kanalisationsrohren sehen.

Wir verbringen eine weitere Nacht ohne Strom und Wasser, mit Taschenlampe und Kerzenlicht. Es wird Freitag. Das Wasser in den Straßen ist weitgehend abgelaufen; verblieben sind Schlamm und Dreck. Unser Kellerbereich und die Tiefgarage sind immer noch nicht begehbar. Zwar wurde über Nacht ausgepumpt, aber der Schlamm-Wasser-Matsch ist tief und glitschig; die Feuerwehr verweist gleich mehrfach darauf, dass die Tiefgarage zwar schon durchsucht worden sei, aber wie sie trotzdem wegen möglicher Gasbildungen auf keinen Fall betreten sollen.

Wir begeben uns noch einmal auf einen kleinen Rundgang durch die Straßen um unsere Wohnung. Aus den Häusern wird weiter ausgeräumt, die Müllberge wachsen.

Die Straße zu dem ein paar hundert Meter weiter liegenden Gymnasium ist eine Schlamm- und Schotterpiste, gesäumt von Autowracks. Auch das Erdgeschoss der Schule stand weitgehend unter Wasser – hier wird wohl lange Zeit kein Unterricht mehr möglich sein.

Auto-Schrott überall

Entlang jeder Straße stehen Autowracks – fast alle sehen aus, als wären sie gerade noch aus der Schrottpresse entrissen worden. Sie liegen auf dem Dach oder auf der Seite, sind zusammen geschoben oder aufeinander gestapelt, zwischen Bäumen eingekeilt oder gar teilweise in der Erde versenkt.

Je weiter wir in Fließrichtung gehen, die sich die Hauptströmung der Ahr in unserer Straße gewählt hatte, desto mehr häufen sich die Fahrzeuge, bis hin zu einem unglaublichen Schrottplatz-Fuhrpark, der sich vor einem quer stehenden großen Gebäude, einer Seniorenresidenz, gebildet hat – wäre alles nicht so tragisch, hätte man all das, was zu sehen ist, als kreatives platzsparendes Parken bezeichnet.

Nebenbei: Auch diese Seniorenresidenz musste ebenso wie andere Einrichtungen und Kliniken im Kurstadtbereich komplett evakuiert werden, da die Versorgung der Bewohner in keinerlei Hinsicht mehr gesichert werden konnte – und es wird wohl sehr lange dauern, wie es heißt, bis dieses Haus und auch andere wieder eröffnet werden, wenn überhaupt.

Leben im Minimalismus

Die Tage vergehen – man überlegt, was tun. Drei Tage ohne Strom und Wasser, letzteres nur als Schlammwasser draußen vor der Haustüre zu haben, setzen doch zu. Waschen, Duschen, Zähneputzen, alles relativ. Toilettenspülung notdürftig mit von der Feuerwehr gefülltem Eimer voller Schlammwasser. Essen aufessen was noch da ist, kalt natürlich oder leicht angewärmt, über einem improvisierten Mini-Herd beheizt mit Stumpenkerze. Keinerlei Infrastruktur mehr da, auch Mobiltelefone nur manchmal nutzbar.

Irgendwann kommt die Info über die Hilfskräfte, man solle die Toiletten nicht mehr benutzen – da zu wenig Wasser durch die Kanalisation käme, sofern diese überhaupt noch vorhanden sei, würde diese endgültig verstopft; das Schlammwasser würde die Rohre völlig verschließen – irgendwann gäbe es Dixi-Toiletten. Super. Wenn das genau so lange mit der Organisation dauert wie die Versorgung mit Trinkwasser, heißt es ein paar Tage warten …

Drumherum ums Haus, nachdem das Wasser weg war, Berge von all dem, was aus den Häusern entsorgt wurde. Menschen von Schlamm überzogen – aber ohne jegliche Chance, sich in absehbarer Zeit sauber machen zu können – beschäftigt damit, möglichst alles aus dem Haus zu räumen, einschließlich dicker Schlammschichten, damit das Haus wenigstens zu retten ist – sofern nicht die Hälfte fehlt.

In Neuenahr sind wir im Vergleich zu anderen gut auch deshalb davon gekommen, weil wir im Haus weit oben wohnen. Es war wie in einem schlechten Film – von unserem Küchenfenster aus Aussicht auf unsere kleine Straße, die schnell zu einem rasant anschwellenden, reissenden Fluss wurde, in dem plötzlich Autos mitschwammen, auch unseres, sogar Kleinlastwagen und große See- und Baucontainer. Alle mit höllischer Geschwindigkeit – etwas weiter unten an der Straße traf ein Container ein Haus, bei dem dann die ganze Straßenfront einstürzte.

Bei uns war der Keller bis zur Decke voller Schlammwasser, auch nicht schön, vor allem, weil dort nicht nur Fahrräder standen, einige Vorräte eingelagert waren oder das Werkzeug war, sondern auch viele Erinnerungsstücke und selbstgemalte Bilder untergebracht waren, ebenso wie Lydias Verlagsbücher, ihre Bilderbuchsammlung oder auch unsere Dias. Die Dame, die bei uns im Erdgeschoß wohnte, war auch betroffen, bei ihr stand das Wasser in der ganzen Wohnung – sie haben wir bei uns mit einquartiert. Unser Auto hatte Totalschaden, was zu ertragen ist – wir entdeckten es irgendwann, es ist viele hundert Meter geschwommen, bis es von einer Gartenmauer aufgehalten wurde. Im Handschuhfach wollten wir noch ein paar für uns wichtige Dinge holen; die Tür des Autos ist zu, ausgerechnet die Scheibe auf der Beifahrerseite noch ganz. Wir können nicht aufmachen; ein Feuerwehrmann hilft mit großer Spitzhacke, muss gar ein paar mal hebeln und zuschlagen, bis wir an das Handschuhfach ran kommen – und wir wundern uns, wie sehr sich unser Fahrzeug noch wehrt, nicht den Regeln entsprechend geöffnet zu werden.

Es ist kaum zu glauben. Obwohl man auch betroffen ist, kaum glauben mag, was alles zerstört ist und man vor der Herausforderung steht, irgendwie das Leben neu planen zu müssen, sieht man, dass das, was verloren ist, im Leben Bedeutung hatte, auch für die nächsten Lebensjahre wichtig wäre. Aber es sind eben doch „nur“ Sachwerte oder Erinnerungsstücke oder wirklich Kleinkram – andere, die hat es wirklich getroffen, und zum Teil auf sehr üble Weise.

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