Flut-Katastrophe im Ahrtal – eine Stadt wird unbewohnbar

Das Ahrtal ist verwüstet. Auch für sehr viele, die in unserem Umfeld wohnen, ist die reine Katastrophe eingetreten – das Erdgeschoss bei den meisten komplett voll mit Wasser und Schlamm. Alles ist unbrauchbar, muss weggeworfen werden. Schränke, Einbauküchen, Tische, Sessel, Regale, Elektrogeräte, Kleidung, Kinderspielzeug. Einfach alles – rundum nichts mehr zu gebrauchen. Und alle, die nur solche Sachschäden beklagen, können sich glücklich schätzen im Vergleich zu anderen, die ganz andere Situationen erlebt und weit schmerzlichere Verluste erlitten haben, von denen man leider all zu oft hört.

Nur kurze Zeit ist seit der Flut vergangen. Und doch wurde Neuenahr nicht langsam, sondern ziemlich schnell eine nach Öl und Abgasen und Schlamm und Unrat stinkende Geisterstadt. Die Wohnhäuser und Wohnungen in den Erdgeschossen werden verlassen, sobald sie geräumt sind und die Bewohner irgendeine Chance sehen, unter zu kommen. Auch die oberen Etagen der Häuser sind weitgehend leer, weil sie ohne Strom- und Wasserversorgung auch nicht mehr bewohnbar sind, und abgesehen davon keinerlei Ladengeschäfte mehr da sind, in denen man sich für den Alltag versorgen könnte.

Es war einmal eine Parkanlage …

Bei all den Zerstörungen, die so unmittelbar die Bewohner betreffen, mutet es fast schon wie eine Nebensächlichkeit an, dass auch die ganzen Kur- und Parkanlagen weitgehend betroffen sind.

Blumenbeete und Stauden sind verschwunden, der Rasen ist oft abgetragen, die Wege sind aufgerissen, überall hat sich allerhand verfangen, was der Fluss mit sich brachte, manchmal auch aufgetürmt.

Die Ahr orientiert sich wieder mehr an ihrem Flussbett, hat aber immer noch einen unglaublichen Wasserstand. Wo vor der Flut das Wasser höchstens einmal kniehoch stand, klar war und man die Forellen beobachten konnte, strömt jetzt ein mehrere Meter tiefer schlammig-brauner Fluss in Richtung Rhein.

Der Lenné-Park hat sich in eine Wasserlandschaft verwandelt, der Pavillon ist ziemlich angegriffen.

Die Tennisplätze stehen unter Wasser, einige Autos hat es in diese Wasserlandschaft hineingespült.

Über den Plätzen hängen noch, makaber wirkend, die Banner mit der Aufschrift „Dankbarkeit“.

Bad Neuenahr – die zweigeteilte Stadt

Die Fußgängerbrücke, die direkt in die Innenstadt führte – weggerissen und in den Fluten verschwunden. Die Landgrafenbrücke, ganz in der Nähe unserer Wohnung – aus ihrer Verankerung gerissen und versetzt.

Wir staunen über die Unmengen an Holz, Hausrat, Autoteilen, Gastanks und anderem, die sich an der Brücke türmen und fast eine Art Staudamm bilden.

Verwundert blicken wir auf Reste eines Hauses, die sich hinter der Brücke abgesetzt haben. Hier stand nie ein solches Gebäude; dieses halbe Haus muss bei höherer Flut noch die Brücke überwunden haben.

Wir harren immer noch aus in unserer Wohnung, zusammen mit unserer Mitbewohnerin aus dem Erdgeschoss. Irgendwann kam die Info bei uns an, dass die Bewohner aufgefordert werden, die Stadt zu verlassen; die Bewohnbarkeit sei auf längere Zeit nicht sicher zu stellen. Altenheime und Kliniken sind bereits evakuiert. Hinter Ahrweiler gibt es nur noch bruchstückhafte Straßen – letzteres wussten wir allerdings nur von den Feuerwehrleuten, weil wir ein paar Tage von Außenkommunikation abgeschnitten waren und wir auch nicht aus unserem Wohnviertel herauskamen. Unsere Handys haben wir die ganze Zeit über äußerst sparsam genutzt, um Akku zu sparen; deshalb haben wir uns auch nur bei unseren Kindern immer mal kurz gemeldet.

Eine Stadt wird unbewohnbar

Irgendwann wird uns klar, dass es nicht bei wenigen Tagen bleiben wird. Am Samstagnachmittag waren es dann nur noch wenige Prozent, die die Telefone als Restkapazität zeigten, und wir haben von der Bundespolizei vor unserem Haus erfahren, dass Neuenahr abgeriegelt werden soll, und da haben wir beschlossen, dass es Zeit wird …

In Verbindung mit den stinkenden Müllbergen dürfte die Stadt für lange Zeit fast unbewohnbar sein, wie das ganze Ahrtal und andere Täler weiter oben auch. Das wird auch daran liegen, dass all der Müll nicht so zügig wie erforderlich geräumt werden kann – und dann ist es ja auch nicht nur Bauschutt und Hausrat, es sind auch Lebensmittel einschließlich all dessen, was mal in den Gefriertruhen schlummerte, oder auch all das, was aus zerstörten Kellern, überfluteten Tankstellen und lecken und überschwemmten Kläranlagen herauskam. Ein mindestens genauso großes Problem wird sein, dass es im Tal kaum mehr Handwerksbetriebe gibt, die wieder aufbauen könnten, und in der Menge, wie sie erforderlich wären, sind sie auch in der weiteren Region nicht zu finden … und es ist ja auch nicht nur das Ahrtal, das betroffen ist.

Ein paar Tage zuvor hatten wir noch einen längeren Spaziergang in einer der engen Ahrschleifen bei Altenahr gemacht und dabei angemerkt, dass es wenige so schöne Fleckchen gibt wie dieses Tal. Es war einmal … Ein paar Tage später steckten wir mitten drin im Hochwasser-Geschehen.

Hinaus aus der Stadt – es war einmal …

Am Samstag haben wir uns also aus Neuenahr evakuieren lassen, nicht von der Bundeswehr oder der Feuerwehr, wie viele andere, sondern von unserem Schwiegersohn. Am späten Nachmittag sind wir nach ein paar Tagen ohne Strom, Wasser, Telefon und Internet wieder ein wenig mehr in der Zivilisation angekommen. Wir haben wieder die Möglichkeit, ins Internet zu kommen und haben uns am Sonntag nach der Flut erstmals in Fotos und Videos angesehen, was über den schmalen Bereich hinaus, den wir erreichen konnten, im Ahrtal und anderswo passiert ist. Es ist wirklich übel, was da über das Ahrtal und auch andere Gegenden hereingebrochen ist.

Wir wohnten für ein paar Tage in Remagen in einem kleinen Hotel. Remagen ist wohl der einzige Ort in der Region, der davon gekommen ist, nur mit etwas Überflutung durch den Rhein. Sobald möglich werden wir noch einige Dinge aus der Wohnung holen, und dann für viele Wochen ins Sauerland umziehen – in eine Ferienwohnung. Als wir noch in Neuenahr waren, hieß es irgendwann, dass etwas später, in etwa zwei Wochen wieder Strom und Wasser da seien – aber das war wohl ein „Trösterchen“ – die Realität ist wohl eher (auch nach all dem, was wir an kaputten Schaltkästen und offenen Leitungen gesehen haben), dass es wohl weit länger gehen dürfte.

Unsere Wohnung in Neuenahr wird wohl frühestens Ende August wieder einigermaßen bewohnbar sein. Die Stadt selbst wird noch lange Zeit eine ziemlich muffige Ruinen- und später Baustellenlandschaft mit Schutthäufen und Notversorgung bleiben. Wenn wir nicht unsere nächsten Lebensjahre auf einer Dauerbaustelle mit dürftiger Infrastruktur verbringen wollen, müssen wir uns wohl nicht nur an eine kurzfristige Planung machen müssen.

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