Steinmetze auf dem Weg zur Halong Bucht

Kunstvolles Handwerk, weite Landschaft und viele Informationen über Vietnam

Vietnam- und Kambodscha-Reise,
Bericht 12

Auf unserer Fahrt zur Halong Bucht gibt es einen Zwischenstopp, bei einer Steinmetz-Werkstatt. Unser Reiseleiter meint, das sei die einzige Möglichkeit an der Strecke, einen Halt einzulegen und dabei auch etwas anzuschauen; außerdem sei es eine der wenigen Einrichtungen, in denen auch Behinderte mitarbeiten würden. Die Werkstatt zeigt sich schon im Außenbereich als kleine Produktionsstätte mit riesiger Verkaufsausstellung.

Für uns unvorstellbar, was hier alles geboten wird – Steinmetzarbeiten von kleinstem Format bis zu mehreren Metern hohen Figuren, nicht ein paar, sondern in rauen Mengen, unzählige. Figuren für alles, was man sich denken kann, die Motive allesamt ziemlich wahllos durcheinander.

Egal für welche Glaubensrichtung, die passenden Figuren stehen da, oft direkt nebeneinander. Römische oder griechische Säulen, Michelangelo oder irgendwelche Griechen, Buddha und Engel, Frauen wie frisch aus dem Jugendstil-Lehrbuch entsprungen, Löwen, Adler, Drachen, moderne Skulpturen oder polierte Edelsteinblöcke – unglaublich.

Tatsächlich wird draußen auf einem Gelände neben der Ausstellung an Steinblöcken gehämmert, gebohrt und geschliffen. All das, was hier in der Werkstatt entsteht, scheint für den Export in alle Welt geschaffen zu werden, produziert für den Bedarf aller erdenklichen Religionen oder für den privaten Bedarf, ob Hauslöwen, Dekofisch oder Portrait.

In der mehrere hundert Quadratmeter großen Halle mit unüberschaubarer Verkaufsfläche werden kleinere Arbeiten angeboten, mehr dasjenige, was sicherlich oft als Souvenir in die Koffer wandert, ob Figuren, Formen oder ein Schachspiel. Zwischen all den Verkaufsständen wird aber tatsächlich auch einiges produziert. Einige junge Frauen malen an Lackbildern, andere sind dabei, nach Vorlagemotiven Bilder zu sticken, in einem anderen Bereich der Halle wird genäht. All das ist zu kaufen – dazu noch allerhand weiteres, ob aus Jade oder Gold oder Stoff oder Edelsteinen.

Wir trinken lieber einen vietnamesischen Kaffee. Auf der Tasse sitzt ein Blechsieb mit dem Pulver drin, in der Tasse ist schon schwer gezuckerte Dosenmilch. Heißes Wasser drauf, warten. Schmeckt nicht unbedingt begeisternd, weil klebrig süß – muss man aber einmal probiert haben, weil das dazu gehört. Ohne Dosenmilch schmeckt der Kaffee ungewöhnlich aber gut – ungewöhnlich, weil in Vietnam die Kaffeebohnen nicht einfach trocken wie bei uns geröstet werden, sondern unter Zugabe kleiner Mengen Öl.

Wer ein klein wenig mehr ausgibt, bekommt auch einen Katzen-Kaffee. Das sind die Bohnen, die von Katzen gefuttert werden, durch die Katzen hindurch „wandern“ dürfen und anschließend hoffentlich gut gereinigt geröstet werden. Früher gab es dafür eine Wildsammlung, heute kommen sie von der Katzen-Kaffee-Farm.

Die Fahrt geht weiter. Wir schauen uns wieder die Landschaft an und bekommen viele weitere Informationen über Vietnam. Einiges haben wir schon gehört zu Themen wie Tourismus, Wirtschaft und Bildungsssystem. Im Bus gibt uns unser vietnamesischer Reiseleiter gerne Auskunft zu unseren weiteren Fragen.

Entlang der Fahrtstrecke wird auf den Reisfeldern geerntet. In den Reisfeldern sieht man immer wieder Gräber – die Toten werden auf Grabstellen auf den Feldern bestattet. In dieser Region ist Erntezeit, geerntet wird hier zwei Mal jährlich. Einige Bauern schneiden die Büschel noch von Hand, auf anderen Feldern sehen wir Mähdrescher. Auf einigen Feldern wird schon das Stroh abgefackelt und die Fläche für den nächsten Anbau vorbereitet. Auf Nebenstraßen und Hauseinfahrten wird Reis getrocknet; großflächig sind die Reiskörner ausgebreitet, mitten auf den Flächen stehen oft Frauen, die mit großen Besen die Körner wenden.

Während all dieser Informationen leben wir weiter in unserer Parallelwelt – drinnen im Bus die Vietnam-Info, manchmal ergänzt mit Hinweisen auf das, was draußen zu sehen ist, wo es vorbei geht vor allem an Dörfern und Feldern.

Währenddessen gibt es im Bus Informationen zum Beispiel zum Wehrdienst – Pflicht für alle, doch nur ein kleiner Teil wird wirklich eingezogen. Wer nicht dazu gehören möchte, kann sich für jährlich 8 Mio. Dong freikaufen. Wir hören auch, dass die Zahlen zur Arbeitslosigkeit höchst unterschiedlich seien, je nachdem, wer sie veröffentlicht. Dasselbe gilt für die Inflationsrate – offiziell sind es unter 4 %, wir hören aber auch, dass es ein Mehrfaches wäre. Ebenso unterschiedlich sind die Angaben zum durchschnittlichen Einkommen, das jährlich knapp 2.000 $ betragen soll – kaum glaubhaft, wenn man von Löhnen von drei bis fünf Dollar pro Tag hört, oder die Kleinstbeträge sieht, die am Straßenrand für Obst und Gemüse oder in den Garküchen verlangt werden. Wie immer solche Durchschnittszahlen entstehen und zu verstehen sind, wissen meist nur diejenigen, die sie veröffentlichen. Und Wahrheit, Wohlstand, Bildung und Einkommen scheinen viel mit parteilicher Bindung zu tun zu haben. Wir können das alles nicht nachprüfen, wir können nur staunend zuhören – und wie es oft so ist: Es bleiben endlos Fragen, die man aufwerfen kann …

Die Straße bleibt ein Erlebnis. Zunächst ist alles noch wenig belebt, es ist Nachmittag und heiß. Aber nach kurzer Zeit füllen sich die Straßen wieder. Die Läden öffnen, die Transportfahrzeuge sind wieder unterwegs, am Straßenrand wird wieder gekocht, gegessen und verkauft. Immer mal wieder fällt uns ein Stand auf, an dem frisch gepresster Zuckerrohrsaft verkauft wird – besonders gut schmecken soll er, wenn kleine Stückchen der Durian-Frucht untergemischt sind, die gut schmeckt, aber einen ziemlich gruseligen Stinke-Geruch hat.

Ob alte oder neue Gebäude – wenn sie traditionell gebaut sind, sind sie extrem schmal, zur Straßenseite hin gerade mal drei bis fünf Meter, dafür enorm tief, geschätzt 15 bis 20 Meter. Im Erdgeschoss so gut wie immer ein Ladengeschäft, sonst nach vorne hin Zimmer, so erklärt unser Reiseleiter, ebenso nach hinten, in der Mitte ein Treppenhaus mit Lichtschacht, um das schmale, enge Gebäude ausreichend zu belichten, belüftet über einen Windkreisel.

Oben auf jedem Haus, entweder auf dem Dach oder von außen nicht sichtbar auf dem Dachboden, befindet sich stets ein großer Wassertank, nicht wie zunächst vermutet für das Warmwasser, sondern für den Wasserdruck, der sonst nicht ausreichen würde. Die Hausbreite resultiert aus der Steuer-Gesetzgebung – gezahlt wird nach Hausbreite zur Straße hin. Ob das mit der Steuer immer noch so ist, wissen wir nicht. Wir sehen nur, dass immer noch so gebaut wird. Sieht vor allem immer dann merkwürdig aus, wenn solche Häuser einzeln stehen. Später sehen wir noch Häuser im Rohbau, bei denen wir die beschriebene Struktur erkennen können.

Da wir auf Reisen sind, gibt es natürlich auch mit ein paar touristische Daten. Zum Beispiel, dass normalerweise jährlich etwa 3 Mio. Touristen nach Vietnam kommen, die Hälfte davon Chinesen und Koreaner; Europäer machen nur 0,4 % aus. Ein wenig scherzhaft erklärt unser Reiseleiter ein paar für ihn wesentliche Unterschiede zwischen Deutschen und Chinesen.

Einer sei, dass ein überfülltes, lautes Restaurant für Deutsche abschreckend wirke, man könne dort nicht gepflegt essen – für den Chinesen sei das aber ein Zeichen der Qualität, denn wo nicht laut gegessen und gefeiert würde und wo nicht viele Menschen wären, könne es auch nichts Gutes geben. Ein anderer sei, dass Deutsche es schrecklich fänden, an einem Tisch mit verschmutzter Tischdecke zu sitzen, der Boden klebrig von Essensresten der Vorgänger – für die Chinesen alles Anzeichen dafür, dass man in einem solchen Restaurant gut essen kann. Bei Deutschen würde es sich gehören, alles was auf dem Teller liegt aufzuessen – für Chinesen sei ein leer gegessener Teller ein deutliches Signal an den Gastgeber, dass es nicht genug zu Essen gegeben hätte. Ein weiterer Unterschied sei, dass Deutsche gerne am Abend früh zu Bett gehen würden, ausruhen für Besichtigungen am nächsten Urlaubstag – Chinesen würden im Urlaub bis in die frühen Morgenstunden fröhlich und lautstark feiern und trinken, schließlich hätten sie Urlaub, und das ist ein Grund zur Freude. Und so weiter …

Draußen wird es langsam dunkel. In der Dämmerung sind am Horizont Hügel und kleine Bergketten zu erkennen, die vor der Küste liegen. Wie gewohnt sehen wir viele Mopeds, Straßenverkäufer, Garküchen, kleine Läden, Handwerker, aber es ist schon so dunkel, dass es unmöglich ist, beim eigenwillig-rasanten und doch sicheren Fahrtstil unseres Fahrers ein Foto zu machen – so gerne man das täte. Das geht erst wieder, als wir unten an der Küste sind, und durch Bãi Cháy fahren, zu unserem Hotel, wo wir die nächste Nacht verbringen werden.

Am nächsten Tag ist dann die Fahrt in der Halong Bucht angesagt – und davon handelt dann der nächste Reisebericht.

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