MS Ocean Majesty – sinnlos durch den Sturm …


Eigentlich beginnen wir unsere Reisebereichte immer mit ein paar Sätzen, die aufzeigen, wie begeistert wir wieder einmal von einer Reise sind. Gerade, nach einer Schottlandreise mit der MS Ocean Majesty wieder in Bremerhaven angekommen, fällt einem eher der Buchtitel von David Foster Wallace ein, der Klassiker „Kreuzfahrt – schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich“. So ein wenig moderater sind wir gestimmt – bei uns heißt es „nur“: wenig amüsant, aber so eine Kreuzfahrt wünschen wir uns nie wieder.

Weite Wege zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Geplant war eine ungewöhnliche Reise mit der MS Ocean Majesty nach Schottland, fast zwei Wochen, zu all den Zielen in Schottland, die man sonst nur schwer erreicht, vor allem eben die Inseln. Eine Route, von der man eigentlich immer schon mal geträumt hat – Schottland „pur“. Edinburgh, Orkney-Inseln, Isle of Lewis, Isle of Harris, Isle of Mull, Isle of Skye, Ullapool, Greenock/Glasgow, Oban, Invergordon, Aberdeen – was will man mehr …

Für diese Kreuzfahrt ist ein völlig anderer, ziemlich langer und nicht ganz gewöhnlicher Bericht entstanden, wie man ihn auf diesen Seiten sonst eher selten findet, voller nachdenklicher und kritischer Anmerkungen, obwohl nur wenige deutliche Worte vorgesehen waren. Aber während des Schreibens ist nicht nur all das wieder aufgefallen, was man nicht wie geplant gesehen hat. Es sind auch all diese Ungereimtheiten und Merkwürdigkeiten, die sich auf der Reise gezeigt haben, allesamt wieder in Erinnerung gekommen. Und noch mehr wurde bewusst, dass wir offensichtlich dem Ende der Reise zu Gefährdungen ausgesetzt wurden. Viele Fotos zu diesem Beitrag, wie sonst auf diesen Seiten üblich, gibt es nicht – es war ja nicht abzusehen, wie sich diese Reise entwickelt, und später hatte man wirklich gar keine Freude mehr daran, all das, was auf dem Schiff und rundherum stattfand, mit Fotos zu dokumentieren.

Edinburgh – zurück zum Anleger

Start in Bremerhaven, also angenehme Anreise, von dort aus nach Edinburgh. Auf schottisches Wetter haben wir uns natürlich eingestellt, die Wettervorhersagen legten dies auch nahe. Nach einem Seetag ein interessanter Tag bei ziemlich wolkenverhangenem Himmel und Regenschauern in Edinburgh, und am Abend sollte dann die Weiterfahrt zu den Orkney-Inseln sein, nach Kirkwall. Wind kommt auf, und die Ocean Majesty schafft es trotz Schlepperunterstützung nicht, in die Schleuse hineinzufahren, um den Hafen von Leith verlassen zu können. Es geht zurück ans Pier, das Schiff wird wieder festgemacht. Für uns war das alles noch nicht tragisch – wir stellen uns auf einen weiteren Tag in Edinburgh ein, was offiziell aber erst am Morgen verkündet wird. Noch gehen wir davon aus, dass die Verspätung irgendwann ohne Probleme bei den kurzen Wegstrecken oben in Schottland leicht wieder aufgeholt werden kann.

Ab Edinburgh werden wir versorgt mit Wetterberichten, über den Sturm auf der Nordsee, über Stürme an der westschottischen Küste. Vorbei geht es an Aberdeen und Invergordon, zwei Häfen, die später auf der Route angelaufen werden sollen, nach Norden. Und dann fahren wir dort auch vorbei an den Orkney-Inseln, jetzt bei schönstem Wetter. Der Hafen Kirkwall fällt aus, auf den Inseln wären die Steinkreise oder das Jungsteinzeitdorf Skae Brae zu sehen, einige der Highlights der Kreuzfahrt.

Orkney-Inseln, Isle of Lewis, Isle of Harris, Isle of Skye, Isle of Mull – fast ein Totalausfall

Weiter zur Isle of Lewis. In Stornoway ist eigentlich ein sechsstündiger Aufenthalt geplant zu Zeiten, in denen man auch etwas unternehmen kann. Jetzt gibt es nur einen Kurzaufenthalt, frühmorgens am Sonntag, von 7.00 bis 11.00 Uhr – abzüglich Tenderzeiten gerade mal gut zwei Stunden, um durch den noch schlafenden kleinen Ort zu schlendern. Alles geschlossen, niemand außer uns unterwegs. Also keine Chance, etwas umfangreicher die Insel zu erkunden; nur diejenigen, die den Kurzausflug gebucht haben, sehen ein bisschen was. Nicht einfach ist es für den Seelotsen, wieder von Bord zu kommen; das Lotsenboot hat sichtbar ziemlich mit dem Wellengang zu tun.

Die Isle of Harris, auch ein Ausfall, sogar kommentarlos, Tarbert wird gleich gar nicht angelaufen. Dabei hätte es sogar einen Tagesausflug über die Inseln gegeben, von Stornoway nach Tarbert.

Ullapool wird angesteuert, das Tor in die Highlands. Im Katalog stand einmal, dass es hier eine Liegezeit von 7.00 bis 21.00 Uhr gäbe, also richtig Zeit, einmal in die Highlands hineinzukommen, mit etwas Ruhe. Weit gefehlt, Liegezeit verkürzt, wir kommen erst am Mittag an, nutzen die Zeit noch etwas zu einem Spaziergang entlang von Loch Broom und im Ort, aber schnell ist Abend und der kleine Ort schließt. Also auch eher ein Marginalaufenthalt.

Portree wird angelaufen, aber erst vor dem Hafen stehend fällt auf, dass nicht getendert werden kann – gibt es denn keine modernen Kommunikationsmittel, mittels derer man das schon frühzeitiger in Erfahrung bringen und vielleicht ein wenig umplanen könnte? Also fällt auch die Isle of Mull weg. Statt Zeit auf einer Insel voller landschaftlicher Attraktionen mal wieder ein Seetag.

In Greenock liegen wir am Pier, so dass hier zumindest etwas unternommen werden kann, die einen nach Glasgow, die anderen ein wenig in die Highlands hinein.

Dramatischer Wetterbericht ohne wirkliche Perspektive

Wenigsten ein wenig von den Highlands sehen, bevor es mit hoher Wahrscheinlichkeit weg geht aus Schottland – am Abend wird nämlich in einem ziemlich dramatischen Vortrag anhand von Wetterkarten vom Cruise Director, ergänzt mit Fotos von einem an den Strand gespültem Seehund und auf einer Sandbank aufgelaufenem Frachter, die Wetterlage auf der Nordsee geschildert. Der griechische Kapitän ist auch mit bei dieser Präsentation, und so wirklich einig sind sich die beiden nicht. Während der Touristiker noch davon spricht, dass man alles erdenkliche versuchen werde, noch auf der alten Route weiterzukommen, macht der Kapitän in wenigen aber klaren Worten deutlich, dass er davon nicht ausgehen würde und verweist auf seine langjährige Erfahrung und „safety first“.

Als wir dann das ausgedruckte Tagesprogramm am Abend sehen, war es doch eine kleine Überraschung – von Greenock aus soll es wieder nach Norden gehen, nach Oban, also doch wieder zurück zur alten Strecke. Weitere Informationen – nicht in Sicht. Ein Morgen in Oban, dann Weiterfahrt nach Tobermory. Aufenthaltsdauer nach Katalog viereinhalb Stunden. Nach Verspätung und langen Tenderzeiten bleiben gerade noch zwei Stunden für einen Spaziergang durch den Ort, in den frühen Abendstunden. Wie leider inzwischen ziemlich üblich kommen Gäste, die individuell von Bord gehen wollen, erst nach den Gästen, die einen Ausflug über den Veranstalter gebucht haben, auf die Tenderboote, haben somit kürzere Aufenthaltszeiten. Als wir endlich an Land sind, haben so ziemlich alle Geschäfte geschlossen. Vom kleinen Ort Tobermory haben wir ein wenig, von der Isle of Skye eigentlich gar nichts gesehen.

Die erste Runde also heftig enttäuschend. Wir sind losgefahren, um vor allem die Inselwelt zu sehen, was so nur mit dem Schiff möglich ist. Klar – das Wetter spielt in dieser Region immer einmal wieder einen Streich. Aber wie wir bei den Berichten des Kreuzfahrtdirektors mitbekommen haben, wurde von der Schiffsleitung sehr aufmerksam die Wettervorhersage beobachtet. Da hätte man frühzeitig die Reihung der Häfen umstellen können, auch bei unterschiedlichen Anlege- und Tendermöglichkeiten.

Das Wetter ist drastisch, das ist eben so und das wird gezeigt, das Programm wird irgendwie abgespult, aber nicht überdacht, und Informationen gibt es nur Häppchenweise, mit dem Tagesprogramm für den nächsten Tag, das während des Abendessens auf den Kabinen verteilt wird. Das eigentlich Erschreckende – man hat nicht wirklich den Eindruck, dass es so etwas wie ein Einfühlungsvermögen gibt, sich irgendjemand ernsthaft um das Wohl die Gäste kümmert.

Schottland ade – die Reise wird umgestellt

Am Abend dann die Botschaft: Der Kapitän hat doch recht. Bezeichnenderweise heißt es in der Mitteilung des Kreuzfahrtdirektors, dass die Reederei, also Majestic Cruises, entschieden habe, dass nicht vom Norden her in den Nordseesturm hineingefahren wird. Den zweiten Halbsatz einer solchen Meldung kann man sich ausdenken, da eben nicht die Reederei der Veranstalter der Kreuzfahrt ist. Man würde die Reise komplett umstellen, die britischen Inseln umrunden, versuchen, noch einen Hafen einzuplanen und die restliche Zeit für Seetage verwenden, um durch den Ärmelkanal zurück nach Bremerhaven zu kreuzen. Man gehe davon aus, dass der Sturm auf der Nordsee sich bis dahin so weit gelegt habe, dass man rechtzeitig am Sonntag anlegen könne.

Nicht nur wir kommen uns vor wie in einer Märchenstunde. Egal welche Wettervorhersage man aufruft, die komplette südliche Nordsee ist von einem schweren Sturm betroffen, bis in die Nacht von Sonntag auf Montag hinein. Abgesehen davon ist es eine wesentlich längere Strecke, die da angepeilt wird, und die man vielleicht unter sehr guten Bedingungen in zwei bis drei Seetagen von dort aus, wo wir sind, schaffen kann – aber dann ohne weiteren Hafen. Wir stellen uns auf weitere Überraschungen ein.

Also auch Invergordon gestrichen, schade für all diejenigen, die einmal Loch Ness sehen wollten, und auch Aberdeen weggefallen.

Von 11 Häfen in Schottland, die angelaufen werden sollten, sind gerade einmal 6 übrig geblieben, davon einer mit Marginal-Anlaufzeit und zwei ziemlich eingekürzt. Würde man die Liegezeiten aufrechnen, dann wären es bei den schottischen Inseln, an denen uns so viel lag, nach Abzug der Tenderzeiten gerade mal etwa 5 Stunden, die übrig geblieben sind – ziemlich wenig Zeit für das, was wir eigentlich gerade hier sehen wollten.

Wir führen uns anhand unserer Notizen immer mal vor Augen, was denn wirklich von dem, was einmal geplant und vom Veranstalter ausgeschrieben war, übrig geblieben ist – jetzt ergänzt mit ein paar Anmerkungen mit ungefähren realen Zeiten:


Immer wieder fragen wir uns, ob nicht mit ein wenig mehr Flexibilität bei den kleinen Häfen, die da rund um Schottland angeplant waren, und bei der doch sehr intensiven Wetterbeobachtung der Schiffsleitung und auch der anscheinend ziemlich präzisen längerfristigeren Wettervorhersagen nicht doch etwas mehr zu machen gewesen wäre.

Ab nach Hause – ein langgestreckter Reiseabbruch

Tatsächlich wird noch am Abend ein Hafen angekündigt – angehalten werden soll am nächsten Morgen noch auf der Isle of Man, und dann soll es direkt zurückgehen nach Bremerhaven. Zeit haben wir auf der Isle of Man etwas mehr als drei Stunden, dann geht es an Bord, ein erster Seetag, bei recht schönem Wetter. Am zweiten Seetag im Ärmelkanal wird das Wetter immer schlechter, je näher wir der Nordsee kommen. In der Nacht zum Freitag geht es schon los mit so heftigem Sturm, dass man Schwierigkeiten hat, durch’s Schiff zu gehen, und die Gläser und Teller von den Tischen rutschen.

Wir sind noch auf der Höhe Southampton und kennen die Strecke, die noch zu fahren ist – und doch wird verkündet, dass wir Sonntag in Bremerhaven ankommen. Wieder „Märchenstunde“ auf dem Schiff? Über Lautsprecher ist zu hören, dass die See unruhiger werde – staunend nehmen wir das zur Kenntnis, wir merken es schon länger.

Stop im Sturm – Zwischenhalt in Vlissingen

Irgendwann kommt die Meldung, dass das Wetter so schlecht sei, dass man noch bis zum Hafen Vlissingen in den Niederlanden, auf Zeeland fahren und dort in einem geschützten Hafenbereich ankern wolle, bis der Sturm sich hoffentlich so weit gelegt habe, dass man weiterfahren könne. Angeblich noch in der Nacht. Gegen Mitternacht angelegt, nach einer mehr als zweistündigen Einfahrt vorbei am eigentlichen Hafen von Vlissingen, bis hinein ans Ende der Bucht, wo es nicht mehr weitergeht, mit einer Verspätung von mehr als fünf Stunden – angemeldet war das Schiff, so wie wir uns an die Anzeige der Hafenbehörde erinnern, um 17.30 oder 18.30 Uhr. Und dann noch in der gleichen Nacht weiterfahren? Da werden selbst Märchen unglaubwürdig. Unbeirrt steht in dem am Abend verteilten Programm für den nächsten Tag die Info zur Ausschiffung am Sonntag frühmorgens, in Bremerhaven.

Als wir vom Abendessen zurück kommen, ist aus unserer Außenkabine, zum Bug hin liegend, eine Innenkabine geworden – das Fenster ist mit einer Stahlplatte zugeschraubt. Es wird also davon ausgegangen, dass die Bugspitze von den Wellen überrollt wird und diese selbst bei den weiter oben liegenden Kabinenfenstern Probleme verursachen könnten. Von Reisenden, deren Kabinen seitwärts weiter unten auf den Decks lagen hören wir am nächsten Tag, dass ihre Fenster schon einen Tag früher zugeschraubt worden seien.

Wir haben eine ruhige Nacht vor Vlissingen. Irgendwann röhrt ein anderes Schiff direkt neben uns. Wir sind froh, ohne heftigen Seegang im Bett liegen zu können, schauen nicht einmal nach. Den Geräuschen nach könnte es sein, dass die Ocean Majesty nachgetankt werden muss.

Unglaublich – Start hinein in den Sturm!

Wie zu erwarten stehen wir am nächsten Morgen noch vor Vlissingen, ohne an Land gehen zu können. Es wird ja geankert. Durchsage, dass sich der Sturm so darstellen würde, dass man entschieden habe, weiterzufahren, 10 Uhr, Abfahrtszeit irgendwann ist dann irgendwann nach 11 Uhr. Es heißt, andere Schiffe hätten Vorrang. Auf die Uhr schauen wir nicht; wir regen uns nur darüber auf, dass die Schiffsleitung entschieden hat, mitten hinein in den Sturm zu fahren und keine Möglichkeit eröffnet, vorher an Land zu gehen, einfach auszusteigen.

Es geht los. Vor kurzem noch Horror-Berichte zum Wetter, jetzt hinein in den Sturm. Jetzt sind wir nicht mehr im Bereich Märchenstunde, sondern bei den Gruselgeschichten angelangt. Es scheint der Schiffsleitung nur noch darum zu gehen, das Schiff nach Bremerhaven zu bringen, egal wie!

Die greifbaren Wetterberichte sagen zu dem Zeitpunkt aus, dass sich der Sturm zur deutschen Nordseeküste hin gar verstärkt habe. Allerdings bekommen wir Passagiere das nicht von der Schiffsleitung präsentiert, so wie einige Tage zuvor noch – das muss man selbst nachsehen. Wenige Bereich der Wetterkarte zeigen noch Windstärke 9, die meisten 10, einige gar 11.

Der Blick auf die Wettertabellen zeigt: Windstärke 9, das ist Sturm, mit Windgeschwindigkeiten zwischen 75 und 88 Stundenkilometern und Wellenhöhen von 7 Metern, in der Spitze bis zu 10 Metern. Windstärke 10 ist schwerer Sturm mit Windgeschwindigkeiten zwischen 89 und 102 Stundenkilometern und Wellenhöhen von 9 Metern, in der Spitze bis zu 12,5 Metern. Windstärke 11 bietet gar den orkanartigen Sturm mit Windgeschwindigkeiten zwischen 103 und 117 Stundenkilometern und Wellenhöhen von 11,5 Metern, in der Spitze bis zu 16 Metern.

Irgendwie amüsant, dass die Redaktion des Tagesprogrammes tatsächlich wagt, die Windgeschwindigkeiten, in die wir hineinfahren, auszudrucken. Da steht im Programm, dass 83 Stundenkilometer erwartet würden, für den anderen Tag gar 93 Stundenkilometer. Das ist nicht nur Sturm, sondern gar schwerer Sturm – mit Wellenhöhen um die 10 Meter! Also „fröhliches“ Schiffschaukeln“ für uns vorgesehen!

Dass nur wir die Wetterkarte ablesen können, glauben wir kaum – schließlich hat der Kreuzfahrtdirektor ein paar Tage zuvor in der längerfristigen Prognose schon diese Daten genannt!

Und in diese Sturmwelt werden wir hineingefahren! In voller Absicht! Geplant! Unglaublich!

Es wird uns nicht einmal die Chance geboten, das Schiff vorher verlassen zu können, vielleicht in Vlissingen, wo wir ja liegen. Das grenzt fast schon an Freiheitsberaubung, auf jeden Fall an Gesundheitsgefährdung. Jeder weiß, was solche Wetterlagen anrichten können. An Land bringen solche Wetterlagen meist schwere Zerstörungen!

Sicherheit und Orientierung am Gast – kein Thema

Nach über zwei Jahrzehnten im Kreuzfahrtgeschäft wissen wir, dass Kreuzfahrtschiffe, die in solche Wetterlagen hineingeraten versuchen, schnellstens aus dieser Situation herauszukommen, wenn sie nicht schon vorher anhand der Wettervorhersagen Stürmen mit diesen Windgeschwindigkeiten ausweichen. Wir bekommen das Besondere geboten: Hinein in den Sturm.

Auf Seekarten, auf denen immer aktuell die Positionen aller Schiffe angezeigt werden, ist zu diesem Zeitpunkt längst kein Kreuzfahrtschiff in dieser Wetterzone mehr zu finden, das unterwegs ist. Die beiden letzten Schiffe im Bereich der südlichen Nordsee, die auf den Karten noch verzeichnet sind, eines von Hapag Lloyd und eines von TUI Cruises, sind aus dem Sturm heraus mit einiger Verspätung längst nach Hamburg hinein gefahren. Die Artania von Phoenix hatte sich anscheinend weit hinten in eines der südlichen Fjorde Norwegens begeben. Und wir sind aus der geschützten Lage in Vlissingen hinausgefahren auf See hinein in den Sturm.

Und bei uns an Bord – abgesehen davon, dass sich wohl kaum jemand so richtig wohlfühlen konnte, wurden die Infos zur Reise immer spärlicher, außer den Hinweisen, dass man sich festhalten solle und die Außendecks geschlossen seien. Welch sinnige Information.

Flexibel planen wäre angesagt – gerade im Norden

Wieder stellte sich die Frage, warum so unflexibel geplant wurde. Jedem musste klar sein, dass es mindestens einen Tag Verspätung geben muss, spätestens nach der Liegezeit in Vlissingen. Am Sonntag würden die nächsten Gäste von Hansatouristik in Bremerhaven warten. Wären wir rechtzeitig da, würden diese wieder dann durch den Sturm hinausgefahren in Richtung Ärmelkanal, wie für die nächste Reise des Schiffes geplant? Zum Glück sind wir auf jeden Fall zu spät und niemand muss sich dieser Frage stellen.

Warum wurde die Reise nicht irgendwo im geschützten Bereich beendet, ein versöhnlicher Abschluss gefunden, in Vlissingen, Rotterdam oder wo auch immer? Mit einem Over-Night-Aufenthalt an diesem Hafen zum Abschluss der Reise? Und die Folgegäste dahin bringen? Das hätte denen die Wartezeit in Bremerhaven erspart. Ob die Transferbusse zum Beispiel von Köln aus nach Bremerhaven oder nach Rotterdam gefahren wären, das spielt ja wirklich keine Rolle. Es sind ja nicht Tausende von Passagieren, die da bewegt werden müssen – auf unserer Reise waren es gerade mal etwa 170 Personen. Auf jeden Fall wäre es weit schonender für alle Gäste gewesen. Ganz sicher auch für den Geldbeutel des Anbieters, bei den Mengen an Treibstoff, die da bei Vollauslastung der Maschinen im Sturm angefallen sind. Und es wäre ganz sicher auch ökologisch sinnvoll gewesen.

Lichtblicke – das Restaurant- und Kabinencrew und das Unterhaltungsteam

Ganz sicher ist das alles, was hier abgelaufen ist, kein Problem der MS Ocean Majesty – das alles liegt auf anderen Ebenen. Für das Schiff selbst kann man kurz und knapp zusammenfassen: Es ist so ziemlich das älteste Kreuzfahrtschiff, das unterwegs sein dürfte, ist mit seinem Baujahr 1966 im Rentenalter angekommen, ist für dieses Alter gut gepflegt, hat immer noch seinen Charme in den öffentlichen Bereichen, aber eben auch den Charme der Vergangenheit. Natürlich sind die Kabinen so groß und ausgestattet wie vor vielen Jahren üblich, zeigen sich die Bäder eher „rustikal“, sind alle Räume viel zu niedrig, aber die Ausstattung ist doch so, dass man gut damit unterwegs sein kann. Natürlich zeigen die Motoren auch, dass sie schon viel erlebt haben – in einigen Schiffsbereichen vibriert alles doch kräftig und der „Sound“ ist mittschiffs nicht gerade ein Ohrenschmaus. Aber man kann durchaus über all das hinwegsehen, wenn alles andere stimmt. Vor allem ist das Schiff bestens geeignet für Strecken mit „kleinen“ Zielen.

Die Wohlfühl-Atmosphäre auf dem Schiff, die wird vom Restaurant- und Kabinenteam sichergestellt, das vor allem von den Philippinen kommt – ein „Dream Team“, über das man sich als Gast einfach freuen muss. Verständigung in Deutsch und Englisch klappt bedingt, aber immer freundlich, nett, verbindlich, hilfsbereit. Immer ein paar persönliche Worte dabei, ob im Service oder am Grill oder an der Bar. Nichts ist anonym, Gäste werden wiedererkannt, oft gar mit dem Namen begrüßt. In der Küche merkt man, dass diese fest in ostasiatischer Hand ist und versucht, europäisch oder gar deutsch zu kochen, was anscheinend nicht leicht fällt – da ist man manchmal doch überrascht, was aus einem guten Stück Fleisch für ein merkwürdiges Ergebnis herauszuholen ist, wundert sich über ziemlich kreative oder manchmal auch schlappe oder geschmacklose Zusammenstellungen, erfreut sich an ziemlich bunten, klebrigen Nachtischkreationen. Alles nicht tragisch – aber eine etwas mehr europäisch geprägte korrektive Hand wäre sicherlich hilfreich.

Unglaublich gut für so ein kleines Schiff das Unterhaltungsteam, ob Tänzer, Band oder Milan, der Mann am Flügel – der spielt tatsächlich, ohne all den elektronischen Kram, den man sonst zu hören bekommt. Und auch für dieses Team gilt: Immer freundlich, orientiert auf die Gäste hin.

Verabschiedung oder Rauswurf?

Zurück zum Reiseablauf. Mit etwas mehr als einem Tag Verspätung, einer fürchterlichen Nacht auf See, wie am Tag und in der Nacht zuvor für viele Gäste garniert mit häufigem Unwohlsein, Seekrankheit, vielen geschluckten Tabletten gegen Seekrankheit, sogar mit Stürzen, laufen wir in Bremerhaven ein. Und dort erwartet uns eine einfach unsagbar klägliche Verabschiedung nach dieser unglaublichen Reise.

Nachts gab es noch ein Infoblatt, die sogenannte Bordzeitung auf der Kabine mit üblichen Infos, dazu der Hinweis, dass man doch die Koffer spätestens bis zum Schlafengehen vor die Tür stellen solle – in einer Sturmnacht, bei der man Mühe hatte, sich auf den Beinen zu halten, unbeschadet ins Bad zu gehen, in der die Schranktüren ständig aufsprangen, die Stühle umfielen, und vor der der Kreuzfahrtdirektor noch die Durchsage machte, man solle nichts auf den Tischchen oder im Bad in den Regalen stehen lassen, vor allem nirgendwo Gläser, da der Sturm so heftig sei.

Dazu die Info, man solle doch die Kabine spätestens um 8 Uhr verlassen, um 12.15 Uhr sei Ausschiffung. Dann die übliche Floskel, dass Kapitän, Kreuzfahrtdirektor und Crew hoffen, dass uns die Reise „Schottland – mehr als nur Highlands“ gefallen habe und wir viele schöne Erinnerungen mit nach Hause nehmen würden. Man kann nur bestätigen, dass uns weit mehr als die Highlands geboten wurden, und besondere Erinnerungen, ja, die gibt es auch.

Super, stilvoll. So wie beim sogenannten Abschiedsessen, bei dem es eigentlich üblich ist, dass sich Kapitän und Kreuzfahrtdirektor von den Gästen verabschieden – aber keiner von beiden sich sehen ließ.

Dann folgt etwas, was man bezeichnen könnte als das Verfahren unkontrollierter Rausschmiss. Die Ansage am Morgen völlig unpersönlich, nur noch ein paar Formalitäten, wann man ankomme, dass dann zunächst die Koffer entladen würden, und man dann nach Aufruf nach Farbe der Kofferanhänger aussteigen könne, individuell abreisende Gäste zunächst. Ansage kommt keine, wir sehen aber Gäste aussteigen. Wir machen uns auch auf den Weg, schließlich sind wir schon wieder in der Mittagszeit angekommen und wir wollen wenigstens heute noch nach Hause kommen, mit einem Tag Verspätung, versäumten Terminen und verfallenen Bahntickets, die keiner ersetzt. Zu all dem gibt es natürlich, wie inzwischen zu erwarten, keinerlei Äußerung oder gar nette Geste des Veranstalters.

Ob man will oder nicht – man wird den Gedanken nicht los, dass es für manche Veranstalter doch gut ist, dass so wenige Reisende das Reiserecht kennen und nutzen. Nach einem solchen Ablauf kann ein Veranstalter froh sein, dass an Bord die älteren Reisenden überwiegen, die das alles eher schicksalhaft hinnehmen und weniger auseinandersetzungsfreudig sind – oder Reisegruppen, die so harmonieren, dass sie unter sich gute Stimmung haben und vieles, was rundum nicht stimmig ist, auf diese Weise auffangen. Wäre hier ein anders geprägtes, vor allem jüngeres Publikum an Bord, das wäre nach solchen Vorkommnissen weitaus forderungs- und klagefreudiger.

Am Ausstieg – kein Mensch von Hansatouristik, der die Gäste verabschiedet. Merkwürdig. Den Kreuzfahrtdirektor sehen wir an der Reling, er spricht mit einem der Offiziere, macht auch ein Foto von aussteigenden Gästen. Warum auch immer. Wir sind sicherlich auch drauf.

Nach dieser Reise hätte man sich wenigstens eine ordentliche Verabschiedung gewünscht, wenn schon nichts Besonderes, wenigstens ein wenig Verbalakrobatik nach der Route und dem Sturm. Von anderen Veranstaltungen kennt man da ganz anderes, da bieten die oft geschmähten „großen Schiffe“ bei ausgefallenen Häfen mal ein kleines Bordguthaben oder laden auf einen kleinen Cocktail-Empfang ein oder was auch immer ein. Und wenn es ganz schief geht, dann gibt es oft einen Prozentgutschein auf eine nächste Reise.

Nichts. Hatten wir auch nicht erwartet, nach dem, was wir erlebt haben. Aber wenigstens ein wenig Verbalakrobatik, wie gesagt, wäre schön gewesen. Nur das Restaurant-Team, das zeigt wieder einmal Stil. Unten im Terminal steht, warum auch immer, der Restaurantchef, freundlich wie schon auf der ganzen Reise, und sagt ein Dankeschön und Auf Wiedersehen!

Ansonsten: Fehlanzeige!

Wäre das unsere erste Kreuzfahrt gewesen, wäre nur als Resümee übrig geblieben: So etwas muss man sich nicht antun, und dafür auch noch viel Geld bezahlen.


(Ein Dankeschön gilt noch an diejenigen aus unserer kleinen Reisegruppe, von denen wir Bilder hier einbauen konnten. Freundlichere Berichte über all das, was in den verbliebenen Reisezielen noch zu erleben war, wird es auf dieser Webseite in absehbarer Zeit auch noch geben.)

(#Schottland, #MS Ocean Majesty, #Kreuzfahrtschiff, #Nordsee, #Ärmelkanal, #Atlantik)


Nachtrag

Im Mai 2022 haben wir auf der Ocean Majesty Kapitän Klaus Mewes kennengelernt, der auf dem Schiff als Kapitän vorgestellt wurde, und als dem Kapitän übergeordneter Supervisor an Bord war. Kapitän Mewes hat viele Jahre seines Lebens auf Fracht- und Containerschiffen verbracht, war viele Jahre auch als Lotse tätig – und er war auch Kapitän der „MS Berlin“, die viele Jahre als „Traumschiff“ im ZDF zu sehen war.

Er hat auf seiner Webseite zu unserem Bericht verlinkt, den er als sehr realistisch und informativ hält, wie er schreibt – und er hat uns sein Skript eines Interviews zum Thema Sicherheit generell auf Schiffen geschickt, das sehr engen Bezug auch zu unserem Bericht hat, und das wir hier mit seiner Genehmigung einstellen. Gleichzeitig bedauert Kapitän Mewes unsere Reise an Bord, er hätte uns Besseres gewünscht, schreibt er; schwierige Wettersituationen seien Teil der Kreuzfahrt, auch und gerade im Sommer.

Das komplette Interview mit Kapitän Klaus Mewes ist hier zu lesen.

Wer mehr über Kapitän Klaus Mewes und seine Lebensgeschichte wissen möchte, dem empfehlen wir, auf seiner Seite nachzuschauen – www.ichwolltemeer.de.

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Andreas Achermann sagt:

    Wir kreuzten bereits mehrere Male mit der MS OCEAN MAJESTY über die Meere – und jedes Mal mit Begeisterung und Freude. Ein wundervolles Schiff nach klassischer Bauweise. Kabinen, die dem Wort noch gerecht werden. Und wie angenehm, die schweren Schiffsdiesel zu spüren, selbst nachts im Schlaf; nautisch in sämtlichen Belangen. Die Crew zuvorkommend und natürlich. Die Verpflegung köstlich und bodenständig.
    Die nördliche Hemisphäre zu bereisen, birgt naturgemäss öfters schwere See. Damit muss gerechnet werden. Doch der robusten Bauweise dieses Schiffes kann sie nicht viel anhaben.
    Wir hoffen, MS OCEAN MAJESTY kreuze noch lange als Zeitzeuge wahrer Nautik über die Meere, die neuen Riesenpötte sind niemals Alternativen. Ahoi

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    1. BJ sagt:

      Hallo liebe Achermann’s,
      und ein Dankeschön für die Anmerkungen. Auch uns führten die wirklich tollen Routen, die man nur mit einem so kleinen Schiff fahren kann, einige Male auf die Ocean Majesty.
      Sie schreiben über die „klassische Bauweise“ des Schiffes – leider gibt es von diesen Schiffen nach den Corona-Verschrottungsaktionen nur noch ganz wenige, alle natürlich etwas in die Jahre gekommen, die Ocean Majesty im Seniorenalter, eines der ältesten Kreuzfahrtschiffe, das noch unterwegs ist. Sie haben recht – da spürt und hört man den Schiffsdiesel, vor allem in mittleren Bereichen des Schiffes, und man lebt in Kabinen, die man nicht zwingend als modern bezeichnen kann. Aber das macht den einen nichts aus, die anderen nehmen es hin, wenn vor allem die Route stimmt – und auch sonst alles. Wir waren nicht immer so sehr überzeugt von verschiedenen Dingen, die bei Ihnen sehr positiv klingen – aber was immer stimmig war, das war die Crew im Service, ob Kabinen, Restaurant oder Küche. Ohne diejenigen, die vor allem aus den Philippinen kommen, wäre es schlecht um das Schiff bestellt.
      Auch wir hoffen, dass es noch lange solch traditionelle Schiffe geben wird, eigentlich nur noch die MS Deutschland und die MS Amadea, und einige wenige andere, mit denen noch „wirkliche“ Kreuzfahrerstrecken befahren werden können.

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  2. Brunhild Fehrmann sagt:

    Wir erlebten Ähnliches auf der Fahrt nach Grönland. Alles gut beobachtet und wiedergegeben. Euer Humor bei der Beschreibung klingt sehr tapfer. Die auf dem Schiff beschäftigen Menschen sehen wir auch so. Das Hansa Team müsste dringend in Empathie und Freundlichkeit geschult werden. Die herablassende Arroganz der Hansateamleitung war unerträglich und ewig gestrig.

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    1. BJ sagt:

      Hallo Frau Fehrmann,
      natürlich schade, dass es auch auf der Grönland-Reise ähnlich abgelaufen ist. Man freut sich ja immer, wenn einigermaßen „bezahlbare“ kleinere Schiffe auf besondere Routen gehen, auf denen man noch wirklich etwas entdecken kann. So wirklich viele Anbieter sind es ja nicht mehr, die man dafür findet – und dann ist es höchst bedauerlich, wenn sich einer davon auf solche Weise besonders hervortut. So wirklich ernst nehmen kann man in diesem Angebotssegment derzeit ja nur einen einzigen Anbieter: Phoenixreisen aus Bonn.
      Beste Grüße – und angenehmere Erfahrungen auf den nächsten Kreuzfahrten!
      Bernhard Jans

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