Nearly Lost Places …

Entdeckungen ganz in der Nähe

Verlassene Fabriken, abgebrannte Wohngebäude, zerfallene Schlösser oder auch mal Hotels – „Lost Places“ zu entdecken wird immer mehr zu einer „sportlichen“ Herausforderung. Meist sind es zerfallende und langsam von der Natur zurückgeholte große Anlagen mit klingenden Namen, insbesondere bei Industrieanlagen, alten Herrenhäusern, verlassenen Sanatorien, versteckten Bunkern und Flugplätzen, die genannt werden.

Aber schaut man sich in der Nähe des eigenen Wohnorts einmal um, sichtet die Fotos, die unter ganz anderen Gesichtspunkten einmal entstanden sind, stellt man fest, dass es viele kleinerer solcher Plätze gibt, an denen man mehr oder weniger häufig vorbei kommt – also „Nearly Lost Places“ – weniger vergessen, mehr unbeachtet.

Wir haben einfach einmal unsere Fotos aus letzter Zeit einmal durchgesehen, was sich da verstecken könnte, nicht auf fernen Touren, wo man so etwas locker zusammenstellen könnte, sondern ganz einfach um unseren Wohnort herum. Und so ist dieser Bericht entstanden.

Etwas abseits, zwischen den Kleinstädten Bad Breisig und Remagen, liegen die alte Glasfabrik und einige weitere Gebäude – ein wenig beliebter Ort, wenn nicht gerade die Sonne scheint eher etwas unheimlich, obwohl noch bewohnt und genutzt, von ein paar kleinen Firmen, einem Fitness-Studio, oder einer ziemlich schäbig ausschauenden Spielhalle.

In einigen der alten Gebäuden haben Flohmarktanbieter einen Dauer-Flohmarkt unter Dach eingerichtet, und nebenan in alten Containern einen Umschlagplatz für Flohmarkt-Waren.

Hallen werden als Lagerplätze und zur Autoreparatur genutzt. Eigentlich sollte hier einmal ein besonderes, auf Endverbraucher ausgerichtetes Industriegebiet entstehen; lange Zeit gab es zum Beispiel in einer damals neu gebauten Halle, die jetzt auch langsam verfällt, den größten Supermarkt der Region. Bezeichnenderweise trägt das Gebiet, auf dem die Glasfabrik liegt, den Namen „Goldene Meile“ – ein Traditionsnamen, vom fruchtbaren Ackerboden herrührend, nicht von dem, was darauf später entstand.

Nicht weit davon, bei Remagen, steht ein längst verlassenes Hotel im Wald.

Bereits 1970 wurde das Hotel „Zur Waldburg“ auf dem Remagener Victoriaberg aufgegeben, ein Gebäude entstanden gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Seither sollte es immer wieder als Sanatorium oder Hotel wieder zu neuem Leben erweckt werden, was aber stets an den erforderlichen Investitionen und an der Gemeinde scheiterte. Das ist längst Vergangenheit. Das alte Hotel schlummert nicht mehr, es zerfällt, Haupthaus und Nebengebäude sind eingefallen, Überreste von Dächern gibt es nur noch wenige. Allein der Turm mit dem Treppenhaus macht noch einen etwas stabileren Eindruck – wenn davon überhaupt die Rede sein kann.

Steht man in den Überresten des Restaurants, hat man von weit oben einen herrlichen Ausblick hinunter zum Rhein und direkt zur Apollinariskirche auf einer Anhöhe über Remagen. Vom sicherlich einmal schönen, innenliegenden Wintergarten ist kaum noch etwas erkennbar – einsam stehende Fensterrahmen und Türen stehen verloren im Gelände, und mittendrin zwischen alten Küchengerätschaften ein Wrack eines Autos. Die großen Fensteröffnungen, zum Teil noch mit den alten Holzrahmen, lassen erkennen, dass es einmal ein stilvolles Gebäude war.

Selbst die Reste der einst sicherlich beeindruckenden Anfahrt, gesäumt von einer Allee, zeugen immer noch von einer Zeit, in der das Hotel beliebtes Ausflugsziel war. Jetzt ist nur noch das vorhanden, was nach Zerfall und Vandalismus übriggeblieben ist – und das wird langsam aber sicher vom Wald zurück erobert. Schade für dieses Gebäude, das anscheinend einmal Stil hatte – und anscheinend auch eine bewegte Vergangenheit.

Ein wirklich interessanter „Lost Place“ bei Remagen ist inzwischen leider verschwunden, er ist zum Jagdhaus geworden – das Gebäude der Internationalen Film-Union IFU, der Anlage, die einmal eine Filmstadt werden sollte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg sollte auch in der französischen Besatzungszone eine Filmproduktionsanlage entstehen, zunächst mit Schwerpunkt der Synchronisation französischer Filme, dann für die Betreuung und Realisierung eigener Filmproduktionen. Geplant waren Produktionshallen, Synchronisations-Ateliers und Werkstätten. Das Anwesen in Remagen wurde wegen der Nähe zu Köln und Bonn ausgewählt, aber auch, um neue Akzente in der zuvor von den Nationalsozialisten genutzten Anlage zu setzen. Entstanden sind damals ein hoch modernes Tonstudio, ebenso Ateliers zur Sprach- und Geräuschsynchronisation, ob akustisch abgeschirmt oder als Hallraum sowie ein Kopierwerk.

Die IFU in Remagen wurde zu einem der bekanntesten Filmbetriebe für Synchronisation und Vertonungen – heute ist das ziemlich vergessen. In Remagen wurden mehr als 800 Spielfilme synchronisiert, ob anspruchsvolle Filme wie Sartre’s Film „Das Spiel ist aus“ oder vor allem Unterhaltungsfilme wie „Don Camillo und Peppone“ oder viele Filme mit Laurel und Hardy „Dick und Doof“. Synchronisiert wurde unter anderem von Hildegard Knef, Romy Schneider, Gert Froebe, Harald Juhnke, Hans-Jörg Felmy. Hier wurde auch ab den 50er-Jahren die Wochenschau „Blick in die Welt“ produziert.

Es heißt, dass all die Filmprominenz das Remagener Stadtleben bereicherte – und besonders beliebt seien die alljährlichen Filmbälle gewesen. In Remagen wurden bis 1996 Nitrofilme umkopiert und Kopien für Kino und Fernstehen hergestellt.

Durch die Fenster der alten Gebäude sah man Kisten mit der Aufschrift „Delicate Equipment“, also empfindliche Ausrüstung, in denen sicherlich schon seit Jahrzehnten die enthaltenen mehr oder weniger empfindlichen Dinge vor sich hin rotteten.

In einem Raum lagen Berge von Filmrollen, vom Format her offensichtlich alte Kinofilme. Alle waren einmal fein säuberlich nummeriert; jetzt liegen sie in wilden Stapeln. Auf einigen wenigen ist noch eine Beschriftung erkennbar; es scheinen Filme aus den frühen 50er-Jahren zu sein. Auf einer Rolle steht „Engelsgesicht“ – ein US-Film von 1952, der in Deutschland 1953 startete, ein sogenannter Film-Noir, gedreht vom österreichischen Regisseur Otto Preminger. Auf einer anderen Rolle ist „Zwischen Frauen und Seilen“ zu erkennen, ein US-Filmdrama aus dem Jahre 1949, gedreht von Mark Robson; dieser Film kam 1951 in die deutschen Kinos. Gearbeitet und gewohnt wurde auch im fast direkt am Rhein liegenden, inzwischen auch ziemlich verfallenen Schloss Ernich.

Fast gruselig-grausam mutet es an, wenn man liest, dass der verfallene Studiokomplex 2008 von Franz Asbeck, dem die Solarworld in Bonn gehörte, gekauft, der die IFU-Gebäude, also Kopierwerk und Tonstudio, abreißen ließ um das Jagdschloss Gut Calmuth wieder in seinen ursprünglichen Zustand zu versetzen – und dabei wurde auch das Archivmaterial der IFU größtenteils vernichtet.

Nur eine kurze Strecke rheinaufwärts zeigt sich der alte Hafenbereich von Brohl als ziemliche Brache.

Dass man angekommen ist, veranschaulicht der alte Wagon der Brohltalbahn, der seitlich der Bundesstraße auf einem restlichen Gleisstück steht, das zum Rhein hinführt, und von dem aus einst Trass aus dem Brohltal verladen wurde. Am Ufer entlang liegen noch die alten, überwucherten Gleise. An verschiedenen Stellen sind noch die Reste der Abkipp-, Belade- und Abfüllvorrichtungen der ehemaligen Schmalspurbahn zu sehen, mit denen einmal die Frachtschiffe beladen wurden. Der rostige, anscheinend gerade noch schwimmfähige alte Dampfer, der am Ufer liegt, stammt allerdings aus der Passagierfahrt.

Weiter oben im Ort, der an vielen Stellen auch einen ziemlich ältlichen Eindruck macht, stehen auf mehr oder weniger überwachsenen Abstellgleisen neben der „modernen“ Museumsbahn, die immer mal wieder durch’s Brohltal fährt, auch noch alte Wagons, mit denen einst der Personen- und Warenverkehr im Brohltal lief oder das Gestein aus dem Tal zum Hafen transportiert wurde.

Auf der anderen Seite des Rheins, gleich bei Lahnstein, liegt kurz vor der Mündung der Lahn in den Rhein die alte Schleuse, die als solche nicht mehr genutzt wird.

Das Schleusenhaus ist zu einer kleinen Gaststätte geworden, dahinter liegen ein paar kleine Lahn-Auen. Von der Schleuse selbst stehen noch die Mauern, die als Anleger für mehr oder weniger einsetzbare Yachten genutzt werden, die einen in mehr gepflegten, die anderen in einem gerade noch so schwimmfähigen Zustand. Die Schleusentore sind verschwunden.

Nur kurz dahinter liegt ein ehemaliges Fabrikgebäude, ein Ziegelsteinbau aus einer Zeit, in der auch solche Gebäude noch stilvoll erstellt wurden.

Ein Teil der Anlage wird anscheinend noch genutzt, der andere verfällt still vor sich hin und wird von der Natur zurückerobert. Am meisten beeindrucken die schnell wachsenden Baumarten, die einige der Stahlträger schon so umschlossen haben, als wären sie von vorneherein als Konstruktionsbestandteile vorgesehen gewesen.

Noch ein kleines Stück weiter ins Tal hinein, und noch eine alte Fabrik, überragt von einem interessanterweise eckigen Fabrikschlot, und auch diese zeigt sich angesiedelt zwischen Verfall und begrenzter Nutzung.

Über eine Lahnschleuse, an der gerade gearbeitet wird, geht es hinein in ein kleines, ziemlich vernachlässigtes altes Industriegebiet; neben Häusern, die anscheinend noch bewohnt werden, sind verfallene Gebäude zu sehen, und überall herum viel Schrott, Abfall und Schmutz. Kleine Handwerksbetriebe haben in den alten Ziegelgebäuden, die entlang der Straße stehen, Produktionsstätten gefunden.

Auffallend sind vor allem die vielen alten Auto-Wracks, die um die Gebäude herumstehen, und die ebenso in einigen Hallen stehen. Viele davon sehen aus wie Überbleibsel aus den 50er- und 60er-Jahren, die nie und nimmer mehr in einen Zustand geraten können, der etwas mit fahren zu tun hat – aber hinter einigen verschlossenen Türen wird anscheinend doch daran gearbeitet. Einige der Werkstätten scheinen dagegen verlassen zu sein. Über Autoresten, Ersatzteilen und Werkzeug liegt eine dicke Staubschicht.

In Linz am Rhein stehen etwas außerhalb des Ortes die alten Fabrikgebäude der Basalt AG.

Vor der Ummauerung stehen ein paar Maschinenreste, und leider kann man das sicherlich interessant konstruierte Fabrikgebäude nur von Ferne betrachten, da alles fest umzäunt ist. Aber auch hier zeigt sich wie schon im Lahntal ein Bauwerk, das nicht nur auf Funktionalität ausgerichtet ist, sondern Baustil vorweisen und Bedeutung ausstrahlen soll, und die Ummauerung und einige der Bauten erstellt aus dem Material, mit dem in diesem Betrieb gearbeitet wurde – aus Basalt.

Bleibt man auf der anderen Rheinseite, fährt aber nicht durch das Rheintal, sondern über die Eifel nach Maria Laach, kommt man unweigerlich bei einem imposanten Bauwerk vorbei, der stillgelegten alten Laacher Mühle.

Vorne steht noch ein ziemlich verfallenes altes Gasthaus, aber die Vorderfront der Mühle sieht aus, als könne der Betrieb schnell wieder aufgenommen werden. Aber seitwärts und hinter dem Gebäude zeigt sich Wildnis, und zwar so vielfältig, dass ein Imker eines der kleinen Nebengebäude zu einem großen bunten Bienenhaus umgebaut hat. Das Gebäude selbst ist schwer verriegelt. Durch die Fenster lässt sich einiges an Mühlenausstattung erkennen. Nur kleinere Anbauten stehen offen und sind mit allerhand Resten und Schutt angefüllt.

Nur ein wenig weiter, im Baybachtal, liegt direkt an der Straße ein verlassenes Hotel, das an der Stelle sicherlich einmal ein schönes Ausflugsziel gewesen sein dürfte.

Inzwischen ist es ziemlich verwüstet. Der Dachstuhl ist zum Teil abgebrannt. Ausgeräumt wurde nie – in den Zimmern steht wild durcheinander ziemlich zerstörtes Mobiliar.

Zerfetzte Bettdecken liegen herum, überall zeigt sich Schmutz und Schutt. Was von Küche und Lagerraum übrig geblieben ist, sieht aus, als wäre alles „Hals über Kopf“ verlassen worden – modern war das Haus sicherlich nicht ausgestattet.

Aber auch in Bad Neuenahr gibt es viele Stellen, die man mitten in einer Stadt weniger vermuten würde, versteckte Ecken oder offensichtlich brachliegende verwilderte Flächen. Die Stadt ist gut nachgefragt, gerade im Innenstadtbereich ist ein Bauboom unübersehbar. Alte Gebäude werden abgebrochen, Pensionen und sogar ein Tradtionshotel verschwinden und weichen der Wohnbebauung.

Zwischen den Baustellen entstehen immer wieder verwilderte Brachen, manche auch für längere Zeit. Eine davon ist nicht weit von uns entfernt – und niemand vermutet diese zwischen den Häusern.

Eigentlich könnte man immer weiter schreiben. Zu vielfältig ist das Material, das angesammelt ist. Hier sind jetzt einfach einmal einige Entdeckungen, die sonst wenig beachtet werden, zusammengestellt.

In der Regel werden ja in Berichten nur „schöne“ Bilder gezeigt, und wenn es etwas von früher ist, dann sind es meist auf Hochglanz polierte Denkmäler, die mit der Lebenswirklichkeit an den jeweiligen Orten nur sehr wenig zu tun haben. Das beste Beispiel sind die vielen Fabriken, in denen unter heute nicht mehr vorstellbaren Bedingungen gearbeitet wurde – Hitze, Staub, Rauch, Dämpfe und mehr. Aufgeräumt, gereinigt, gesichert und in glänzenden Farben zeigen sind es Vorzeige-Denkmäler und -Museen. Eigentlich wäre es schöner, wenn noch etwas mehr von der Lebenswirklichkeit in all diesen Gebäuden erlebbar wäre.

Vieles von dem, was auf den vorherstehenden Fotos dokumentiert ist, wird, da es alles sicherlich wenig „museumstauglich“ ist, in absehbarer Zeit unweigerlich verschwinden – und doch hat das alles über Jahre hinweg Menschen und Regionen geprägt.

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