Genua – alter Hafen, neuer Hafen

Teil 1:
Stadt am Meer und kulinarische Entdeckungen in den Arkaden

Reisen, die Welt erkunden, Entdeckungen machen. Vieles hat sich unter dem Vorzeichen von Corona verändert. Man blickt zurück auf viele Jahrzehnte an Reisen, ob privat oder beruflich bedingt, darunter viele Kreuzfahrten und Rundreisen. Stets kommt die Frage auf: Ist so etwas je nochmals möglich? Und noch mehr: Was ist alles noch vorhanden von all dem, was man gesehen hat? Vieles, was das Alltagsleben prägte, wird verschwunden sein. Kontakte zwischen Menschen werden formaler und distanzierter, Ausflüge und Erkundungen weniger spontan möglich, und traditionelle Märkte und ein ursprüngliches Leben in den Straßen werden weitgehend verschwunden sein.

Neues wird sich entwickeln. Wir werden hier auf den „Traumreisezeiten“ jetzt auch Berichte von vergangenen Reisen zusammenstellen – mit eindrucksvollen Bildern, wie es einmal war. Für viele Leserinnen und Leser sind dies vielleicht Erinnerungen, für andere Tipps und Anregungen – für die Zeit, wenn es wieder auf Reisen losgehen kann, auf Neuentdeckungen und Wiederentdeckungen.

Diese „Rückblick-Berichte“ orientieren sich nicht daran, wann welche Reise unternommen wurde, sondern vielmehr an dem, was alles an verschiedensten Zielen erlebt werden kann. Im Mittelpunkt stehen Städte, Landschaften, Regionen – Land und Leute. Zum Teil waren wir häufiger an diesen Zielen – und je öfter, desto tiefer konnte man in die Lebenswelt vor Ort eintauchen. Wir starten mit einem Bericht über Genua – und da waren wir von uns selbst überrascht, wie oft wir bereits in dieser Stadt auf Entdeckung gegangen sind.

Eigentlich ist es bedauerlich, wenn Genua als Reiseziel nicht sonderlich ernst genommen wird. Immer noch haftet der Hauptstadt von Ligurien das Image der eher ältlichen, schmutzigen und gefährlichen Hafenstadt an, die notgedrungen angefahren wird, um auf ein Kreuzfahrtschiff oder die Fähre nach Korsika zu kommen. Aber Genua ist weit mehr – kein Museum, keine für den Tourismus polierte Hochglanzstadt, sondern eine lebendige, vielseitige, interessante Stadt, in der es noch wirklich etwas zu entdecken gibt, und in der sich noch italienischer Lebensalltag zeigt.

Schon die Anreise nach Genua ist ein Erlebnis, ob mit Auto oder Bus durch die Berglandschaften oder mit dem Flugzeug über Berge und Wolken.

Meist führt eine Fahrt mit dem Auto oder dem Bus über die Schweiz, durch den Gotthard-Tunnel, seltener über den San-Bernardino-Pass oder den Brennerpass. Auf allen Strecken zeigt sich eine imposante Bergwelt, mit einem herrlichen Blick auf Berge, Täler und Seen, vor allem bei Sonnenschein und blauem Himmel, beeindruckend zu jeder Jahreszeit. Nach der Alpenüberquerung, Mailand und der Po-Ebene geht es dann durch das Piemont und Ligurien direkt in Richtung Genua. Die Autobahn windet sich auf diesem Streckenabschnitt in engsten Krümmungen durch die Landschaft und führt dann mitten hinein nach Genua, in Serpentinen zum Meer hinunter, durch die sich bis weit hinauf in die Berge ziehende Bebauung.

Geht es auf Kreuzfahrt ab Genua, dann wird die Stadt meist ziemlich früh am Morgen erreicht. Im noch fahlen Morgenlicht zeigt sich die Stadt deutlich strukturiert, und die Pastellfarben der Gebäude strahlen krass kitschig. Das gilt auch für den Palazzo San Giorgio mit den Fresken auf der zur Autobahn stehenden Fassade; er ist eines der ältesten Gebäude der Stadt aus dem 13. Jahrhundert. Später am Tag, bei hellem Sonnenschein, schaut dann alles nach den braun-ockernen Farbschattierungen des Südens aus.

Häufig gibt es auf der Fahrt durch die Stadt noch Einblicke in die alten Stadtviertel hinein, mit der noch relativ niedrigen Bebauung und den vielen kleinen Ladengeschäften. Aber weit mehr dominieren in den Hängen die typischen südländischen, fast riesigen Wohnblocks, die selbst fast den Charakter von Bergen haben. Ob mit eigenem Auto oder mit dem Transferbus einer Reederei – eine beeindruckende Fahrt. Alternativ ist natürlich die Anreise nach Genua auch mit Bahn oder Flugzeug möglich. Wer die lange Bahnfahrt und ein paar mal Umsteigen nicht scheut, kommt schließlich irgendwann ganz nahe am Hafen an der Endstation der Fernstrecke an. Flüge direkt nach Genua sind selten; in der Regel wird nach Mailand geflogen, und von dort aus geht es mit Transfer- oder Linienbus weiter, eine eher langwierige Geschichte … Ausprobiert haben wir schon alle Varianten …

Genua hat den flächenmäßig größten Hafen Italiens – und doch gibt es hier einen entscheidenden Vorteil zu vielen anderen Häfen. Der Passagier- und Kreuzfahrtterminal liegt direkt an der Stadt, nicht weit entfernt vom Stadtleben, wie in so vielen Städten. Die Autobahn aus den Bergen hinunter in die Stadt führt auf die Stadtautobahn, ein wirklich hässliches Bauwerk auf Stelzen, das die Küste und damit auch den Hafen entlang verläuft, immer wieder mit Abfahrten, weniger in die Stadt hinein, mehr auf das Hafengelände.

Durch viele Straßenwirrungen geht es zur Stazione Marittima; dort liegt der Ponte dei Mille, das alte Passagierterminal, in Grundzügen entstanden noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts, seit 1930 nach Umbau und Erweiterung in der heutigen Form – und heute nicht mehr für Auswanderer und Passagierverkehr genutzt, sondern für Kreuzfahrtschiffe. Die Anfahrt zu einer Kreuzfahrt führt hier zunächst durch typische Hafenanlagen, danach sowohl durch Kellergewölbe als auch durch stilvolle Hallen der damals repräsentativen Industriearchitektur.

Ziemlich imposant und die Szenerie dominierend liegen hier vor allem die ganz großen Kreuzfahrtschiffe, oftmals auch mehrere. Wer am Ponte dei Mille auf das Schiff geht, vergisst meist die Stadt, in der es losgeht – aber auch dann, wenn hier „nur“ der Start zu einer Kreuzfahrt ist, sollte man sich zuallererst einmal einen Überblick über die Stadt gönnen, vom höchsten Punkt aus, der auf dem Schiff erreichbar ist. Ist man nach dem Checkin erst auf einem der oberen Schiffsdecks angekommen, liegt die Stadt geradezu zu Füßen – so scheint es zumindest. Es zeigt sich ein Panorama-Rundumblick über die Bucht von Genua.

Direkt vom Schiff hinunter blickt man auf die Hafenanlagen, festgemacht ist das Schiff am früheren Passagier-, dem heutigen Kreuzfahrtterminal; etwas entfernt liegt der alte Hafen. Lässt man den Blick ein wenig weiter schweifen, sieht man nicht nur die Fähranleger, sondern auch die Werftanlagen, in denen Schiffe zur Überarbeitung liegen. Im Hintergrund ist der alte Hafenleuchtturm zu sehen – er kann besichtigt werden, aber wir haben es noch nicht geschafft, dies zu tun und den Turm zu besteigen, aber von dort oben soll es eine herrliche Aussicht über den Hafen und auf die Stadt geben.

Wie eine fast unüberwindbare Barriere zur Stadt hin zieht sich entlang des Hafens die Stadtautobahn. Richtung Osten liegt der Bucht entlang die Altstadt, gegenüber dem Hafen das historische Universitätsviertel, dann weiter nach Osten hin die alten Wohngebiete, über denen sich die Kathedrale erhebt, und immer wieder Türme aus dem Häusergewirr herausragend.

Soweit das Auge reicht zieht sich die Stadt entlang der Küste und ins Land hinein, je weiter oben in den Anhöhen, desto mehr verbindet sich eine steinerne Landschaft aus Häusern und Hügeln. Gen Norden und Westen zeigt sich eine massive, dichte Bebauung bis hoch in die Hänge hinein, mit den typischen südländischen großen Wohnblocks. Bei einigermaßen gutem Wetter sind dahinter Schneeberge zu sehen.

Der Blick von oben zeigt, wohin die Wege bei einem Stadtspaziergang führen können. Sicherlich vorbei am alten Hafen, der direkt neben dem Ponte dei Mille liegt, und von dem aus es in die Altstadt geht, ein kleines Wegstück noch durch das Hafengelände, dann unter der Stadtautobahn hindurch. Der Blick von oben verspricht ein kontrastreiches Programm – so ein wenig, wie es die Schatten- und Sonnenspiele durch die Wolken hindurch über der Stadt öfters zeigen. In Sicht liegt schon die Gartenanlage der Villa Principe, dahinter ein zumindest aus der Ferne nicht weniger kunstvoll aussehender Häuserberg.

Vom Ponte dei Mille steuern wir die Altstadt an. Aus dem Terminal heraus, vorbei an Gabelstaplern und Lastwagen, die gerade das Kreuzfahrtschiff beladen, entlang der alten Hafenstraße und dem Yachthafen, auch dem Schiffsmuseum und dann unter der Hochstraße geht es hindurch zur alten Hafenstraße, der Via di Sottoripa, bei der sich in den alten Arkaden wie sonst selten all das widerspiegelt, was Italien und ein Leben am Hafen ausmacht. Wer Zeit hat, ein wenig stöbern möchte und ein bisschen Hunger mitbringt, kann hier sehr viel Zeit verbringen, viele Eindrücke sammeln, sich umsehen und einiges von dem, was bei uns Spezialitäten sind, naschen.

In all den kleinen Läden unter den Arkaden gibt es einen bunten Mix aus allem, was man sich so vorstellen kann. Neben einem Geschäft für den Fischereibedarf ein Laden mit einer unglaublichen Auswahl an Wurst und Schinken. Dann Kleidung, ob mal Edel oder T-Shirts. Dazwischen ein Juwelier und eine Metzgerei. Natürlich immer wieder ein typisches Café, einige davon nur mit der Steh-Theke, andere mit Sitzgelegenheiten, und immer sowohl einige süße Teilchen als auch Schinken, Panini und Focaccia im Angebot. Der Fischhändler darf natürlich auch nicht fehlen.

Spezialitäten aus Genua und Ligurien sind rundum zu sehen. Man weiß nicht so recht, was man bei einem kurzen Aufenthalt in der Stadt alles probieren soll – und stürzt sich einfach hinein ins Probiervergnügen. Eine Torta, von der etliche Varianten in einem der Geschäfte liegen, sollte auf jeden Fall dabei sein. Früher einmal Resteküche, heute Spezialität … Blätterteig gefüllt mit Spinat oder Ricotta oder Aubergine oder Schinken oder Mangold, einfach gerade mit dem, was die Küche so hergibt, gerne auch mit einer Kombination, gut gewürzt. Beim Wurst- und Schinkenhändler nebenan staunt man, welche Angebots- und Geschmacksvielfalt möglich ist – und auch, dass „frisch“ auch „gut abgehangen“ und „gereift“ heißen kann, bei einem richtigen Schinken oder einer Salami.

Unvergesslich ist zum Beispiel der enge Imbiss von zwei älteren Damen – sie frittieren frische Sardellen, Sardinen, Tintenfische oder auch mal Pommes, Gemüse und Teigknödel mit Peperoni drin in einer großen Wanne mit Olivenöl; wer bestellt, bekommt eine Tüte, die schnell aus einem Stück Papier gefaltet wird. Wir bestellen eine Portion gemischt; die Sardellen, die mit dabei sind, komplett von Kopf bis Schwanz, wie es sich gehört – und alles schmeckt hervorragend.

Für alle, die Pasta lieben, beginnt das Pasta-Paradies nicht erst in der Altstadt, sondern bereits hier. In Handarbeit entstehen gerade Tortellini, mit einer Ricotta-Masse gefüllt. Aktuell angepriesen wird Pasta mit Artischocken – wird wohl auch irgendeine Füllung sein. Und in der Auslage gibt’s alles, was Pastafreunde begeistert, ob in verschiedenen Ravioli-Formen gefüllt mit Fleisch, Ricotta oder Gemüse, ob „pur“ als Spaghetti, Spaghettini, Tagliatelli, Pappardelle, Capellini, oder als Varianten mit Maronenmehl oder als Gnocchi mit Kartoffeln, kombiniert mit Basilikum. Wer möchte, findet auch die Lasagne, ofenfertig.

Eines der Geschäfte scheint der Treffpunkt der Fischer und Hafenarbeiter zu sein. So etwas wie ein Fischer-Frischfisch-Fast-Food. In der Auslage liegen verschiedene frische Fische, weiter hinten wird gebraten und gekocht, gegessen wird an einer schmalen Theke, an der einige wenige Barhocker für diejenigen stehen, die unbedingt sitzen wollen. Wir schauen etwas neugierig zu, wollen wissen, wie das hier funktioniert. Ganz einfach – Fisch auswählen, Zubereitungswunsch mitteilen, und nach kurzer Zeit ist alles auf dem Teller. Auf einer Kochstelle steht noch ein ziemlich großer Topf; einer der Männer bestellt, und heraus kommt ein richtig großer Pulpo. Der Mann bekommt eine Portion, für die man schon gehörigen Hunger haben muss – einen gekochten Fangarm. Wir bestellen auch, essen zu Zweit an dem Ding, und sind begeistert. So frischen, optimal zubereiteten, schmackhaften Pulpo haben wir zuvor noch nie gegessen.

Eigentlich möchte man gar nichts anderes tun als hier in den Arkaden auf und ab zu gehen, sich die Geschäfte ansehen, das rege Leben beobachten, immer wieder mal etwas probieren. In einem der Geschäfte wird alles angeboten, was die Fischer von der anderen Straßenseite benötigen, Gummistiefel, Jacken, Netze, Seile, Haken, Bojen, Eimer, ein buntes Durcheinander. Fast übersehen hätten wir in einem kleinen Zwischengang einen Fischhändler bei der Fischanlieferung – auf einer Karre wurde ein nicht gerade kleiner Merlin angeliefert. Alles findet sich hier in den Arkaden – ein Schlosser, ein Stockfisch-Händler, der eine oder andere Touristenshop mit allerhand Ramsch, ein Schlosser und was auch immer.

Für uns geht es aber weiter, in Richtung Altstadt und Universität. Aber schon direkt nach den Arkaden folgt ein Geschäft, bei dem man einfach staunend stehen bleiben muss. Eine Macelleria voller Schinken und Würste, nebenan eine Theke mit einer riesigen Käseauswahl. Der ältere Herr hinter der Theke winkt uns hinein; anscheinend gibt es nicht so viele Touristen, die sich so offensichtlich begeistert von seinem Angebot zeigen wie wir. Schinkenprobe ist angesagt. Zum probieren gab es Scheiben von verschiedenen gekochten Schinken, dann von rohen Schinken. Kräftigen Kontrast boten ein paar Scheibchen Salami. An der Käsetheke waren uns schon vorher verschiedene Sorten von Büffelmozarella aufgefallen – da gab es von den kleinen Kügelchen auch noch ein paar zum probieren. Verständigung: Nicht nur mit Händen und Füßen, sondern auch mit Gesichtsausdruck und Allgemeinlauten rund um das Thema guten Geschmack. Alles problemlos, sogar so gut verständigt, dass der ältere Herr verstanden hat, dass wir nichts kaufen können, da auf das Kreuzfahrtschiff nichts mitgenommen werden kann.

Wir steuern vom Hafen weg, in irgend eine der unzähligen kleinen engen Gassen hinein, mitten in das aus unserer Sicht ziemlich chaotische Durcheinander von Häusern – aber über die alte Universität, Kirchen, Paläste, Märkte und Cafés wird es im nächsten Beitrag über Genua gehen.

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