Über den Wolkenpass nach Đà Nẵng

Serpentinen, Fischerboote und eine Eukalyptusöl-Destille

Vietnam- und Kambodscha-Reise,
Bericht 24

Für uns geht es weiter in Richtung Hội An, über den Wolkenpass hinweg. Unser Zwischenziel wird Đà Nẵng sein, die Stadt an der Mündung des Han-Flusses in die Đà Nẵng-Bucht – die Stadt, die während des Vietnamkriegs im Mittelpunkt vieler Berichterstattungen stand, und die auch Zentrum der früheren Hochkultur in dieser Region war, dem Reich der Cham.

Vor uns liegen einige Stunden Fahrt mit dem Kleinbus. Entlang der Straße ist viel zu sehen, kleine Städte und Dörfer, eine abwechslungsreiche Landschaft.

Die Häuser stehen meist direkt an der Straße, haben davor oft Verkaufsstände. Immer wieder führt die Strecke entlang der Küste, wo im Meer der nicht nur die Staken der Muschel- und Austernzüchter aus dem Wasser herausragen, sondern auch abgegrenzte Bereiche zu erkennen sind, in denen Fischerhütten auf Stelzen stehen – hier werden nicht nur Fische gezüchtet, sondern auch verschiedenste Meerestiere bis zum Verkauf auf den Märkten im Meerwasser gehalten. Überall sind Vögel zu sehen, fast wie an einem reichlich gedeckten Tisch stehend und fischend.

Es geht zügig voran. Wir sind unterwegs auf der Hauptverbindungsstraße zwischen dem Norden und Süden Vietnams. Immer wieder wünschen wir uns, dass unser Busfahrer etwas langsamer tut, damit wir ein paar mehr Eindrücke von all dem einfangen können, was sich entlang der Strecke bietet. Aber der Verkehr ist dicht, und an all dem, was uns da überholt merken wir, dass wir nicht die schnellsten sind, die da fahren.

Die Dörfer zeigen sich gut belebt; es wird vor den Häusern gegessen, Kinder spielen. In einem der Dörfer scheint gerade der Schulunterricht zu Ende zu sein; wir sehen viele Kinder, die in Schuluniform von der Schule zurück kommen, zu Fuß oder mit dem Fahrrad.

Auffallend oft weht die vietnamesische Flagge an Masten auf Häusern und an Fahnenstangen in Gärten. Ein wenig amüsiert versuchen wir zu interpretieren, was wir von einem Verkehrsschild halten sollen, das himmelwärts weist, unter dem sich ein Haufen Müll befindet, und neben dem ein kleiner Altar steht. Ob das in der Nähe eine Tempelbaustelle ist oder nur ein Depot für Hausaltäre, lässt sich beim schnellen Vorbeifahren nicht erkennen.

Auf Feldern wird gearbeitet, vielerlei Gemüse geerntet. Immer mal wieder sind kleine Teiche mit einer Entenfarm zu sehen; wir bekommen mit, dass viele dieser Ententeiche und ebenso der Fischteiche einmal Bombenkrater aus der Zeit des Vietnamkriegs waren. Kühe und Büffel stehen nicht nur auf Wiesen und im Morast, sondern manchmal auch auf der Straße.

Irgendwie können wir uns nicht satt sehen an all dem, was sich entlang der Straßen tut. Menschen leben nicht versteckt irgendwo in ihren Häusern oder hinter Hecken und Mauern, sondern zur Straße hin, bedingt auch dadurch, dass es selten Gebäude gibt, in denen im Erdgeschoss nicht irgendetwas untergebracht und das Gebäude zur Straße hin geöffnet ist. Ob es kleine Suppenküchen oder Restaurants, Händler oder Werkstätten sind oder auch mal Räume, die wie eine offene Küche oder ein Wohnraum aussehen – überall sind Menschen zu sehen oder unterwegs, die irgendetwas tun – die alltägliche Arbeit, eine Ruhepause einlegen, beim Essen sitzen oder sich einfach irgendwo unterhalten.

Je weiter wir in Richtung Süden kommen, desto häufiger sehen wir wieder Reisfelder. In waldigen Gebieten oder inmitten dieser Reisfeldern liegen, wie wir im Norden schon gesehen hatten, wieder öfters kleine Friedhöfe; manchmal ragen nur Steine zwischen hohem Reis hervor, manchmal sind es kleine, eher exponiert stehende Bauwerke. Nachdem die letzten Reisetage durch die Besichtigung von vielen Tempeln und Pagoden die Synapsen so etwas wie eine kleine Verknüpfung von Buddhismus und Vietnam angelegt hatten, überrascht dann doch inmitten dieser Reisfelder eine typisch christliche Kirche, daneben ein Friedhof mit vielen Kreuzen – und man erinnert sich daran, dass Südvietnam lange Zeit katholisch dominiert war, und man immer weiter in Richtung Süden kommt.

Rechts und links der Strecke stehen immer häufiger Eukalyptusbäume, in den Dörfern sind Shops mit Eukalyptusöl zu sehen. Das Dorf, durch das wir gerade kommen, scheint von diesem zu leben – entlang der Straße steht eine Destille für Eukalyptusöl an der anderen. Wir sehen, dass die eine oder andere Anlage in Betrieb ist und können unseren Reiseleiter überzeugen, dass wir doch mal anhalten könnten.

Was wir sehen: Eine einfachste Konstruktion, meist mit ein oder zwei Tonnen, so groß wie Ölfässer – vielleicht waren es ja auch mal welche. Vor einer der Anlagen stehend fragen wir uns schon ein wenig, wie denn auch immer der Prozess abläuft. Unter der ersten Tonne brennt das Feuer, die Eukalyptusblätter und -zweige drin. Sind es drei Tonnen, dann wird auch die zweite erhitzt. Dann noch eine Tonne. Danach führt eine Leitung in ein Wasserbad, sicherlich zur Abkühlung des Dampfes. Nicht sichtbar, aber wahrscheinlich ist auch da irgendwo ein Behälter drin. Außen am Becken gibt es einen Abfüllhahn.

In der Auslage stehen verschiedene Flaschen, auch mit unterschiedlichen Preisen – anscheinend verschiedene Reinheitsgrade, zumindest vermuten wir das, weil auf der teuersten Version auch ein Baby abgebildet ist. Fragen können wir an dieser Destille nicht, es ist Pause, und keiner lässt sich sehen. Aber wird dann mal verkauft, gibt neben allerhand Ölen auch einige Pflanzen und in Gläsern einiges, bei dem wir nicht erkennen können, was es einmal war.

Die Strecke geht manchmal etwas ins Land hinein, es wird dann leicht hügelig. Langsam aber sicher merken wir, dass wir von einer Klimazone, die derjenigen bei uns Zuhause ähnlich ist, in eine andere Klimazone kommen, ins eher subtropische Klima Südvietnams. Auffallend ist das zum Beispiel an den Märkten, an denen wir vorbei kommen – während im Norden viel unter freiem Himmel verkauft wird, steht jetzt alles meist unter dichten Zelten.

Entlang der Strecke fällt uns immer wieder auf, dass es doch deutlich ärmere und reichere Dörfer zu geben scheint. Dörfer mit einfachen Häusern, Werkstätten, Ladengeschäften und Märkten entlang staubiger Wege wechseln sich ab mit Dörfern, die Wohlstand ausstrahlen, mit relativ großen, gepflegten Gebäuden, inmitten dieser Orte ebenso erstaunliche christliche Kirchen. Irgendwann stellt man sich die Frage, ob diese Unterschiede auch noch Relikt der Vergangenheit Vietnams sind oder mehr aus aktuellem Engagement christlicher Kirchen resultieren.

Fährt unser Kleinbus wieder einmal mehr am Meer entlang, sieht man an der Küste Fischerboote und Anlagen, in denen Muscheln, Schnecken und Austern gezüchtet werden, die Austern vor allem zur Perlenproduktion.

Die Fischerboote weiter draußen haben die „klassische“ Bootsform. Die Boote, mit denen in Strandnähe gefischt wird, sehen eher aus wir große Schüsseln, auf denen die Fischer stehend unterwegs sind.

Irgendwann beginnen die Serpentinen hoch auf den Wolkenpass, in Vietnam auch die Wettergrenze vom kühleren Norden in den subtropischen Süden, wie wir in den nächsten Tagen auch mehr spüren werden. Es wird einfach heiß, für unsere Begriffe zu heiß, und dazu kommt nun auch eine hohe Luftfeuchtigkeit – nach kurzer Zeit draußen ist alles, was man angezogen hat, ob wenig oder viel, einfach nass.

In Fahrtrichtung geht es in die Berge – zurück geblickt nach Norden sehen wir noch die Sandstrände.

Der Wolkenpass, oder wie er in der Landessprache richtig heißt der Hải Vân Pass, befindet sich vom Norden aus kommend kurz vor Đà Nẵng – es ist die Hauptverbindungsstraße, die den Norden Vietnams mit dem Süden verbindet, und war lange Zeit auch die einzige Möglichkeit, die Landesteile zu erreichen, somit die wichtigste Handelsstrecke des Landes. Von Meereshöhe aus geht es in engen Serpentinen, die sich fast 21 Kilometer nahe dem Meer entlang hinauf und wieder hinab schlängeln, auf bis auf etwa 500 Meter Höhe. Wir haben Glück. Der Wolkenpass ist nicht eingehüllt in Wolken, die diese Strecke lange Zeit geradezu so gefährlich machten, dass für den „normalen“ Verkehr eine Umgehung mittels Tunnel gebaut wurde. Wir fahren in vollem Sonnenschein, mit herrlichem Blick hinunter aufs Südchinesische Meer, hinein in die Berge und später hinunter auf Đà Nẵng.

Aber diese Strecke hat auch eine ganz andere Zeit hinter sich. Nach vielen Serpentinen auf der Scheitelhöhe oben angekommen zeigt sich an Zeugnissen aus längst vergangenen Kaiserzeiten ebenso wie aus der jüngeren Kriegszeit, dass hier versucht wurde, mit allen Mitteln Wege zu kontrollieren. Nebeneinander stehen die Ruinen einer alten Befestigungsanlage aus Zeiten der vietnamesischen Kaiser und die Überreste der französischen und amerikanischen Bunkeranlagen – aus dem Indochinakrieg und dem Vietnamkrieg. Der Pass als wichtigster und lange Zeit einziger Übergang zwischen dem Süden und dem Norden war stets strategisch von besonderer Bedeutung und somit hart umkämpft, im Vietnamkrieg lange Zeit zudem symbolisch überformt als Ort der Auseinandersetzung zwischen Kommunismus und Kapitalismus.

Das alles ist Vergangenheit. Jetzt ist die Passhöhe auf knapp 500 Metern eher eine „Touristen-Abfertigungsstation“ garniert mit einem wolkigen Namen, mit Verkaufsständen und kleinen Restaurants, die Küchen dahinter rustikal einfach, mit zwischen den Töpfen spazieren gehenden Hühnern, die sicherlich irgendwann einmal in genau diesen Töpfen landen werden.

Etwas zu essen trauen wir uns aber nicht so wirklich – wir genießen lieber die Aussicht in Richtung Süden, hinunter auf die Bucht und das nicht sehr weit entfernt liegende Đà Nẵng.

Es geht nun den Wolkenpass hinab, nach Đà Nẵng, die moderne Großstadt, die wir von hoch oben vom Berg aus gesehen haben, und die in weiten Teilen neu entstanden ist nach großflächigen Zerstörungen im Vietnamkrieg. Vorbei geht es an in den Hängen liegenden Klosteranlagen. Weit oben im Berg steht eine Buddha-Statue, im mittaglichen Dunst gerade so erkennbar. Interessant – diese riesige Marmorfigur, 67 Meter hoch, ist weiblich, es sei die „Frau Buddha“, wie uns gesagt wird, und es ist die größte Buddha-Statue Vietnams. So richtig verstanden haben wir all das nicht, was unser vietnamesischer Reiseleiter dazu erzählte – aber irgendwie schien es darauf hinaus zu laufen, dass das mit den Religionen hier in Vietnam nicht so sehr ernst genommen wird, gerne variiert, interpretiert und ein wenig gemischt. Hauptsache ein jeder weiß für sich selbst, was er glaubt oder nicht …

Etwas ermüdet von der langen Fahrt sind wir endlich unten am Meer angekommen. Es geht hinein in die Stadt, zunächst durch die Außenbezirke. Von der Brücke aus, über die wir fahren, haben wir den ersten Überblick, auf die Skyline der Stadt.

Über Đà Nẵng und alle unsere Besichtigungen, darüber geht es in unserem nächsten Reisebericht.

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