Modernes Đà Nẵng – Geschichte der Cham

Auf der Suche nach Identität

Vietnam- und Kambodscha-Reise,
Bericht 25

Eigentlich sind es von Huế nach Đà Nẵng nicht einmal einhundert Kilometer, und doch haben wir den Eindruck, wir hätten eine sehr lange Fahrt hinter uns, als wir in der Stadt an der Mündung des Flusses Han ins Südchinesische Meer. Es ist erst Mittagszeit, aber es ist ja fast unglaublich, was wir alles in dem halben Tag gesehen und erlebt haben, seit wir am Morgen in Huế gestartet sind – dort noch die entlang der Mauer der kaiserlichen Zitadelle, nach kurzer Fahrt ein Spaziergang durch das Minh Mang Mausoleum, anschließend auf Strecke über Land, vorbei an Reisfeldern, Gärten und Dörfern, später an der Küste und Fischerdörfern, dazwischen die Besichtigung der Eukalyptus-Destille, schließlich die Fahrt über den Wolkenpass.

Und jetzt geht es hinein in die moderne und doch traditionsreiche Stadt Đà Nẵng. Von der Brücke über den Fluss Han aus haben wir den Blick auf die Silhouette der Stadt.

In der Mittagshitze flimmernd liegen auf der rechten Seite von uns die Hochhäuser des modernen Stadtzentrums, auf der linken Seite im Gegenlicht eine Hängebrücke, dahinter ein imposant hohes Riesenrad.

Irgendwie kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, in einer neuen, anderen Wirklichkeit Vietnams gelandet zu sein, noch etwas wirr auf der Suche nach dem „neuen Gesicht“. In den Außenbereichen der Stadt, durch die wir zunächst kommen, stehen in den etwas älteren Vierteln die typischen, wenig stilvollen Gebäude wie in vielen anderen Großstädten irgendwo auf der Welt auch, nur mit ein wenig ostasiatischem Einschlag, erkennbar vor allem an den Ladengeschäften und an einigen kleinen Malls. Nur selten sieht man noch zwischen all den modernen Gebäuden das eine oder andere traditionelle Bauwerk, und so ein wenig Geschichte spiegelt auch gleich nach dem Ortseingang am Ufer angelegt ein prächtig renoviertes historisches Schiff.

In den Neubauvierteln der Stadt, durch die wir kommen, fallen die meist einfachen, höheren Gebäuden auf, dazwischen viele breite Straßenzüge, und an den Straßen entlang verlaufen oft überbreite und sehr unbelebte Fußwege. Wie in anderen Städten gibt es auch fast überall in den Erdgeschossen Ladengeschäfte, aber irgendwie scheint das Straßenleben verloren gegangen zu sein. Das Leben auf der Straße, das wir bisher im Norden erlebt haben, ist verschwunden – es wird hinter den Mauern der weitgehend gesichtslosen Gebäude gelebt. Nur die Kühe scheinen noch entlang der Straße ihr Futter zu finden. Mopeds und Autos sind unterwegs – aber auf den Fußwegen fehlt weithin das geschäftige Treiben, das andere Städte so lebendig gemacht hat.

Viele der Stadtbereiche, durch die wir kommen, sind eher noch gemixte Baulandschaft mit Brachland, Baustellen, halbfertigen und fertiggestellten Gebäuden. Überall entstehen neue Hochhausquartiere. Entlang der zum Stadtzentrum hin immer besser ausgebauten Straßen, vor allem derjenigen, die am Meer entlang führen, gibt es Flanierwege, kleine Parkanlagen und Vergnügungsparks.

An einer Straße steht ein großer Supermarkt; anscheinend verschwinden damit nach und nach auch die kleinen Läden und Straßenhändler. Das Alltagsleben verlagert sich von der Straße hinter die Fassaden der Bauwerke. Über den Fluss führt eine lange Spannbrücke, deren Aufhängung gestaltet ist wie ein großer gelber Drache, samt Kopf. 666,6 Meter lang soll sich der Drache über die Brücke schwingen.

Angepriesen wird Đà Nẵng als eine der modernsten Städte Vietnams, mit neuen Wohn- und Geschäftshäusern, vielen Hochhäusern – letztlich das Resultat der Zerstörungen aus dem Indochinakrieg mit den Franzosen und dem Vietnamkrieg. Sowohl wirtschaftlich wie strategisch günstig an der Bucht gelegen wurde die Stadt schon Mitte des 19. Jahrhunderts durch die Franzosen besetzt und von diesen genutzt. Im Vietnamkrieg gingen hier 1965 die ersten Truppen der Amerikaner an Land; in Folgezeit war hier einer der größten und wichtigsten Militärstützpunkte der Amerikaner im Vietnamkrieg – heute noch sind die riesige Brachflächen mit Rollbahn-Resten und Flugzeughangars zu sehen. Bei uns wurde Đà Nẵng als Ankerplatz des deutschen Hospitalschiffes „Helgoland“ bekannt, auf dem das Rote Kreuz von 1967 bis 1972 humanitäre Hilfe für zivile Opfer des Vietnamkrieg leistete. Erst 1975 wurde die heftig umkämpfte Stadt von den nordvietnamesischen Truppen eingenommen.

An der Straße entlang sehen wir immer einmal wieder ein Restaurant, das mit Schildern und Plakaten für sich wirbt; es darf auch einmal ein übergroßer Plastik-Hummer sein, um Aufmerksamkeit zu erzielen. Auch für uns geht es zum späten Mittagessen; unser Reiseleiter fährt ein Restaurant an, vor dem schon einige große Touristenbusse stehen. Wir sind gar nicht erfreut, und können ihn überzeugen, in ein kleines vietnamesisches Restaurant zu fahren, das ihm persönlich auch mehr gefallen würde. So landen wir ein paar Straßen weiter, und was da auf den Tisch kommt, das begeistert so, dass wir völlig vergessen, ein paar Fotos zu machen – und so dokumentieren wir einfach all das, was schon mehr oder weniger „angeknabbert“ ist.

Wir genießen die schönste Vielfalt, die gefüllten Tintenfischtuben, die Salate und unterschiedlichsten Gemüse, und vor allem den frisch gegrillten Fisch. Hervorragend. Und aus dem Fenster blickend sind wir auch hoch zufrieden. Da steht der kleine Bus, mit dem wir unterwegs sind – und für uns ist er riesengroß, mit fast dreißig Sitzplätzen für sechs Reisende, dazu der Reiseleiter und der Fahrer. Ganz nach Lust und Laune können wir mal hier und mal da sitzen, immer da, wo die Aussicht besser ist; und wer einmal Müde ist, findet genügend Platz zum Ausruhen.

Im Cham-Museum in Đà Nẵng, eines der bedeutendsten Museen Vietnams, in das wir nach dem Essen gehen, gibt es noch einige Zeugnisse aus der Cham-Zeit zu sehen, soweit diese die Kriege überstanden haben – Đà Nẵng lag im Zentrum des Gebietes der Volksgruppe der Cham.

Vom 7. bis zum 15. Jahrhundert war nur der Norden des heutigen Vietnams von Vietnamesen bewohnt und beherrscht – im Süden waren es die Cham, eine indisch geprägte, buddhistische Bevölkerung. Erste Annäherungen zwischen dem Norden und dem Süden ergaben sich erst über eine Heirat der Herrscherhäuser, später über kriegerische Auseinandersetzungen, in denen die Cham unterlagen. Heute sind die Cham eine Minderheit in Vietnam, die zum Teil in eigenen Dörfern lebt.

Die Zeugnisse aus dem Cham-Zeit sind weitgehend zerstört; Bauwerke aus der Cham-Zeit sind keine mehr vorhanden, nur einige wenige Relikte, vor allem Sandsteinskulpturen und Altäre, sind in Đà Nẵng im Cham-Museum ausgestellt.

Nach dem Museumsbesuch geht es für uns weiter in Richtung Süden, in Đà Nẵng auf der mehrspurig ausgebauten Strandpromenade, die für asiatische Verhältnisse recht wenig belebt ist, hinaus aus der Stadt, in Richtung Hội An. Zum Meer hin entsteht eine riesige Hotelanlage nach der anderen, einige sind schon fertiggestellt – kaum eine namhafte Hotelgesellschaft ist nicht vertreten. Prunkbauten für den Tourismus … Dazwischen stehen auch einige Wohnanlagen, ausschauend wie die Hotels, sicherlich für sehr wohlhabende Bevölkerungsgruppen.

Einen ganzen Straßenzug entlang reiht sich eine Steinmetz-Fabrik an die andere. Unmengen an Figuren unterschiedlichster Größe, von Kleinstgegenständen bis zur monumentalen Größe sind zu sehen.

Irgendwo wird noch eine Kaffeepause eingelegt. Kurz vor dem Stop liegt an der Straße wieder einmal ein Steinmetzbetrieb, und die bunte Mischung an allerhand, die da schon im vorbeifahren zu sehen war, sorgte für die gehörige Portion Neugier – also wurde die Zeit genutzt, und kurz durch die Ausstellung gerannt. Uns begeistert das Kontrastprogramm, das da zu sehen ist.

Die Motive bunt gemischt – da findet sich ein Abbild der weiblichen Buddha-Statue, die wir gesehen haben, neben einer heiligen Maria, oder ein dickbäuchiger Buddha neben einer eher dem europäischen Klassizismus entsprungenen schlanken Dame, nah daneben Konfuzius und einige Gelehrte, dazwischen ein Drache oder ein Löwe oder was auch immer. Irgendwie beeindruckt auch die Kombination des alten Militärfahrzeuges, das hier noch für die Arbeit eingesetzt wird, mit den segnenden Buddha-Händen der Statuen rundum.

Wir besuchen noch eine solche Fabrik, schauen uns die Vielfalt an und bekommen die ernsthaft gemeinte Frage gestellt, ob man die Figuren nicht schön finden würde, da wir nicht einkaufen würden – aber beim besten Willen: Was soll man mit so etwas tun?

Bei der Weiterfahrt hat es entlang der Ausfallstraße aus der Stadt ein wenig den Anschein, als wäre hinter einer ein paar Kilometer langen Plakatwand nur Brachland verborgen. Aber es ist die ehemalige amerikanische Militärbasis; hier ist fotografieren verboten. Đà Nẵng war ja zentraler Stützpunkt der amerikanischen Truppen im Vietnamkrieg, da der Ort über große Hafenanlagen verfügte. Die Plakatwand überragend sieht man immer mal wieder den oberen Teil eines Flugzeughangars.

Ein sehr erlebnisreicher Tag ist noch nicht zu Ende – es geht weiter nach Hội An.

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