Flut-Katastrophe im Ahrtal – das Wasser kommt

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Sonst berichten wir auf diesen Seiten immer über schöne Reiseziele, geben Tipps und Anregungen, kündigen auch Reisen an, die wir begleiten. Dieser und die nächsten Berichte weichen völlig davon ab.

Wir leben und arbeiten im Ahrtal, mitten in Bad Neuenahr-Ahrweiler – dem Ort, der jetzt durch das Hochwasser der Ahr mit erschreckenden Bildern so bekannt wurde. Die kleine Straße vor unserem Haus, weitab vom Flussbett der Ahr, wurde in kürzester Zeit zum reißenden Fluss, über zwei Meter tief. Zuerst die Gärten, dann Erdgeschosswohnungen und Garagen, verschwanden im Wasser. Von diesem Ereignis und den Tagen danach handeln unsere nächsten Berichte.

Mittwoch, der 14. Juli 2021, ist eigentlich ein fast normaler, regnerischer Tag; heftigere Regengüsse liegen schon ein paar Tage zurück. Wir machen noch einen kurzen Regenspaziergang vor zur Ahr, die fast zweihundert Meter von unserer Wohnung entfernt liegt.

Hochwasser kündigt sich an

Direkt beim Kursaal führt eine kleine Fußgängerbrücke über den sonst schmalen Fluss mit ziemlich niedrigem Wasserstand – und wir wundern uns, dass das Wasser bis knapp unter die Brücke reicht, die schon Schwemmholz sammelt.

Wir schätzen, dass das etwa drei Meter über dem sonst hier üblichen Wasserstand sein dürften. Ein Feuerwehrmann, der an der Brücke steht meint, es könnten noch zwei Meter mehr werden. Wir nehmen das wahr, können aber noch nicht erkennen, was das für eine Gefahr sein kann. Wir gehen noch etwas weiter zur Landgrafenbrücke, auf der wir sonst immer die Ahr mit dem Auto überqueren, sehen den hohen Wasserstand, staunen darüber, denken aber nicht weiter.

Zurück geht es über die Kurgartenbrücke, gegen die einige Baumstämme regelrecht donnern; das Hotel nebenan ist noch festlich beleuchtet.

Was wir an der Ahr gesehen haben, macht uns neugierig, und wir beschließen, mit dem Auto noch ein Stück ins Tal hinein zu fahren, obwohl es sicherlich schon auf 21 Uhr zugeht und es langsam dunkel wird. In Bad Neuenahr und Ahrweiler stehen auffallend viele Menschen auf der Uferpromenade entlang der Ahr, vor Ahrweiler auch auf der Brücke, und bestaunen den Fluss, vor allem die großen Baumstämme, die mitschwimmen, und auch mal ein Weinfass, das auf den Wellen tanzt.

Kurz nach Walporzheim, bevor es in die Kurve um die „Bunte Kuh“ geht – einem so benannten markanten Felsen – werden wir von einem Kleintransporter, der sich fast quer zur Straße stellt und die Warnblinker einstellt, ausgebremst. Wir staunen, denken an einen Verkehrsunfall hinter der unübersichtlichen Kurve, sehen aber dann beim Wenden unseres Fahrzeugs, dass schon direkt hinter dem Felsen die Straße schon so viel unter Wasser steht, dass die Straße nicht mehr passierbar ist. Ohne Warnung und schwungvoll gefahren – dann wären wir schon mitten im Wasser gestanden.

Schnell zurück nach Hause. An der Brücke sehen wir, dass inzwischen Sandsäcke aufgestapelt sind. Das Auto wollen wir auf keinen Fall in die Tiefgarage stellen – und diskutieren noch, ob man es nur auf den Parkplatz nebenan stellen sollte, oder ein Stück weiter oben an den Hang. Schließlich die Entscheidung: Parkplatz vor dem Haus. Selbst wenn die Ahr über die Ufer treten sollte, dann sollten sich bei diesem kleinen Fluss nur ein paar Zentimeter, eher Pfützen ergeben, kein Vergleich zu dem, was man vom Rhein kennt – schließlich ist auch hier bei Neuenahr ist das Tal flach und viele hundert Meter breit und es gibt unzählige Tiefgaragen. Glatte Fehleinschätzung.

Zuhause angekommen, und immer noch keine Ahnung, was auf uns zukommen könnte. Informationen über die Ereignisse weiter oben an der Ahr – Fehlanzeige, wir wissen nichts davon, dass Schuld und Insul und wahrscheinlich auch Altenahr schon untergegangen sind.

Irgendwann hören wir einen Lautsprecherwagen, der durch die Stadt fährt. Anscheinend sollen die Informationen, die verbreitet werden, nicht von allen gehört werden – es erfolgt nur alle paar Straßenzüge einmal eine Durchsage, die unverständlich zwischen den Häusern verhallt. Wir versuchen, etwas mit zu bekommen – vergeblich. Ähnliche Durchsagen gab es ein paar Monate zuvor auch mal, als ein Hotel im Ort brannte – mit der Ahr bringen wir auf jeden Fall diese Durchsage nicht in Verbindung. Gegen 22 Uhr, vielleicht etwas später, geht es zu Bett. Irgendwann ist eine Sirene zu hören, ein mal. Wir schauen raus, können außer Regenwetter nichts feststellen.

Flutwelle durch Bad Neuenahr

Irgendwann gegen Mitternacht wachen wir auf. Draußen ist ein Geräusch nach fließendem Wasser zu hören, das wir so nicht kennen, auch nichts mit heftigem Regen zu tun hat. Ein reißender Fluss ist laut – und wir staunen, dass die Ahr eine solche Lautstärke erreichen kann, die man bis zu uns hören kann. Wir wohnen auf der vierten Etage, eigentlich mit schönster Aussicht auf die Stadt, vor uns die Ahrtherme. Von Küche und Esszimmer sehen wir direkt hinunter auf die kleine Wohnstraße, auf der sich eher Rinnsale wie bei Starkregen gebildet haben.

Aber dann kommen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Straße wird innerhalb kürzester Zeit zum reißenden Fluss.

Einige Fahrzeuge versuchen noch durchzukommen und leuchten ziemlich gespenstisch in die Fluten. Noch glauben wir, dass das schnell vorübergeht geht, aber dann werden die Autos, die auf dem Parkstreifen vor dem Haus stehen, langsam unruhig, wackeln, schütteln sich und setzen sich in Bewegung.

Das Wasser steigt schneller auf ungeahnte Höhen – an den Nachbarhäusern können wir sehen, dass es in kurzer Zeit schon über zwei Meter hoch ist. Die Gärten rundum sind längst verschwunden. Wohnungen, die ebenerdig liegen, sind bis zur Decke gefüllt.

Wir hoffen, dass alle Bewohner den Weg zu den oberen Etagen gefunden haben. Vor unseren Augen schwimmen die Autos davon, auch unseres – die einen wie Schiffe, andere purzelnd. Es sind nicht nur die kleinen Fahrzeuge, es ist auch mal ein Kleinlastwagen oder ein Baucontainer oder sogar ein großer Seecontainer. Letzterer dreht sich immer wieder um die eigene Achse, wofür die Straße eigentlich zu schmal ist, und donnert gegen Hauswände; ein Haus wird so getroffen, dass die komplette Hausfront herunterbricht und in die Fluten stürzt. Immer wieder gibt es einen lauten Knall, wenn Autos aufeinander rasen oder an Hauswände geworfen werden.

Längst ist der Strom ausgefallen, auch aus dem Wasserhahn kommt nichts mehr. Wir machen uns auf die Suche nach Kerzen und Taschenlampen. Im Nachbarhaus gegenüber, das deutlich niedriger als unser Haus ist, ist das Erdgeschoss weitgehend unter Wasser; die Bewohner schauen aus den Dachgauben im Dachgeschoss zu, wie alles um sie herum im Wasser verschwindet, ihre Garage sich in Einzelteile zerlegt und wegschwimmt – und gleich so unglücklich, dass das Dach den Hauseingang eines Nachbarhauses komplett verschließt.

Inzwischen hat sich bei uns die Nachbarin aus dem Erdgeschoss eingefunden; obwohl dies ein Hochparterre ist, das zu drei Viertel über Straßenniveau liegt, hat auch sie inzwischen etwa 30 Zentimeter Wasserstand in der Wohnung. Sie wird die nächste Zeit bei uns wohnen – soweit man das, was wir da ohne Strom und Wasser tun, so bezeichnen kann.

An Schlafen ist nicht zu denken – man weiß ja nicht, was noch alles so kommt. Wir stehen zugleich erschrocken und fasziniert am Fenster, beobachten was um uns herum vorgeht, und leuchten so gut es geht mit unseren Taschenlampen hinunter in die Flut. Die Nacht ist pechschwarz, da ja jegliche Beleuchtung in der Stadt ausgefallen ist. Zu sehen sind nur die Lichtstrahlen derjenigen, die wie wir auch in die Dunkelheit leuchten und erfassen wollen, was da geschieht. Alle sind eigentlich handlungsunfähig – man kann nur zuschauen und hoffen, dass die Wassermassen irgendwann nachlassen. Aber das wird lange dauern.

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