Flut-Katastrophe im Ahrtal – verlorene Lebensqualität im Kurviertel

Bad Neuenahr – das war für mehrere Wochen eine zweigeteilte Stadt; die Grenze zwischen der Einkaufsstadt und dem Kurviertel bildete die Ahr, mit ihrem aufgerissenen Flussbett, über das kein Weg führte. Jetzt ging es für uns erstmals wieder hinüber, über die Behelfsbrücke. Dort, wo die weggeschwemmte alte Landgrafenbrücke stand, erinnern Kerzen an die Opfer der Flut – und das auslaufende Wachs erinnert irgendwie an den Fluss.

Auf dem Weg zur Wohnung geht es vorbei an den beiden einst prachtvollen Villen, die noch Zeugnisse der großen Vergangenheit Bad Neuenahrs als mondäne Kurstadt zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren – beide von der Flut erheblich zerstört.

Abbruch und Schuttberge

Die erste der beiden alten Villen an der Straßenecke ist bereits abgerissen; sie konnte anscheinend nicht mehr gerettet werden. Verblieben ist ein kleiner Berg mit einem Mix aus Ziegelsteinen, Putz, Kabeln, Möbeln, Computern, Aktenordnern, Rohren, Dachziegeln und mehr.

Das andere Gebäude steht noch, das Hauseck abgerissen; die Fundamente liegen offen und sind unterspült. Wer weiß, ob da noch Rettung möglich ist.

Seitwärts ist die Ahrtherme zu sehen, die im Erdgeschossbereich auch über einen Meter unter Wasser stand, und bei der die im Untergeschoss liegende Wellnesslandschaft von der Ahr komplett mit Wasser und Schlamm gefüllt wurde – und dies vielleicht immer noch ist. Es wird wohl sehr viel Zeit vergehen, bis die Anlage wieder geöffnet werden kann – wenn dies überhaupt noch irgendwann einmal passieren sollte.

Vorbei geht es am Kursaal, der Spielbank und auch dem Steigenberger Hotel, allesamt alles noch ziemlich eingehüllt in dicke Staubschichten und umgeben von Müll und Schotter.

In der Unterstraße, einer gleich nebenan liegenden kleinen Seitenstraße, die von der Flut besonders betroffen war, werden die Schutthäufen vor den Wohnhäusern immer höher. Die Straße selbst ist voll mit dem feinen Schlammstaub, der alles durchdringt und aufgewirbelt von all den ganzen Aktivitäten die Stadt umhüllt.

Leben mit Limit

Die ganze Stadt zeigt überall ein Kontrastprogramm, das krasser kaum sein könnte – in den großen Mehrfamilienhäusern sind es zum Beispiel die zerstörten Erdgeschosswohnungen, davor Bauschutt und Unrat, und auf den oberen Etagen Alltag, blumengeschmückte Balkone und Sonnenschirme.

Im Stadtbereich, der heftig von der Flut betroffen war, sind die Straßen extrem straubig, einige der Häuser zeigen noch komplett die Zerstörung durch die Flut, andere zeigen verschiedene erste Spuren der Wiederherstellung. Immer wieder sieht man Baulücken. Viele Häuser sind bereits abgerissen. Auch das Haus in unserer Straße, bei dem der schwimmende Container die Fassade zerstört hatte, gehört mit dazu.

Die Wiese gegenüber der Schule, die ein paar hundert Meter weiter an der Straße liegt, dient als Schuttablageplatz.

Die Luft ist dick, voller Mief und Abgase. Autos fahren viel zu schnell über die staubigen Pisten und wirbeln dichte Staubwolken auf, so dass man froh ist, die Atemmaske aufgesetzt zu haben. Extrem wird die Geruchsbelästigung, die aus den Häusern aus den unteren Geschossen und den Treppenhäusern dringt, auch aus Fensteröffnungen, die längst schon durch keine Fenster mehr verschlossen sind.

Wohnen ohne Lebensqualität …

Bei uns am Haus lässt sich noch indirekt erkennen, wie hoch das Wasser einmal in der Straße stand – die Ecke des Vorsprungs in der ersten Etage wurde von einem vorbeischwimmenden Auto abgeschlagen. Die Treppe hinein ins Haus trägt immer noch eine dicke Staubschicht.

Nebenan in der Einfahrt zur Garage steht noch die Behelfstoilette. Auch im Treppenhaus bei uns ist es feucht und muffig und man wagt kaum zu atmen, und an den Wänden zeigt sich schwarzer Schimmel; bei der Nässe der Wände ist auch nichts anderes zu erwarten. Bei uns im Haus laufen zwar Trockner, aber die schaffen kaum, die Feuchtigkeit zu vertreiben. Leitungswasser gibt es inzwischen in der Wohnung – aber es ist nicht als Trinkwasser nutzbar. Seit vergangenen Freitag, also nach fast genau vier Wochen, gibt es sogar wieder Strom. Trinkwasser wird immer noch von der Feuerwehr angeliefert, steht an der Straße in großen Behältern. Aber der Blick aus den Fenstern fällt nicht leicht – denn auf denen hat sich dicht der feine Staub, der wie eine fast unsichtbare Wolke über der Stadt liegt, und der laufend vor allem von Fahrzeugen aller Art aufgewirbelt wird, abgelegt. Und auf der Gartenseite des Hauses steht immer noch das Dach der Garage unter Wasser, das als Brackwasser bis hinauf in unsere Wohnung muffelt.

Das Kontrastprogramm ist auch von oben zu sehen, aus unserer Wohnung heraus. Vor unserem Küchenfenster liegt links die verwüstete Liegewiese der Ahrtherme, auf der noch ein Autowrack steht, umgrenzt von einem Zaun, an dem noch all das hängt, was er in der Flut gesammelt hat, und daneben ein Nachbarhaus, dem kaum noch anzusehen ist, was passiert ist.

Unglaublich, wie sich dieser feine Schlammstaub, der die ganze Gegend prägt, sich überall ablagert und seine Wege sucht. Alles ist von einer mehligen hellbraunen Schicht überzogen. Auffallend ist dies zum Beispiel bei bunten Blumen, die man mit kräftigeren Farben in Erinnerung hatte, nicht nur auf Straßen und Dächern. Der Staub ist auch höchst präsent; schnell ist ein gerade noch glänzendes Auto mit einer matten Oberschicht versehen. Selbst hat man schon nach kurzer Zeit einen immer stärkeren Hustenreiz und bewundert diejenigen, die schon Wochenlang in dieser Staublandschaft arbeiten. Selbst in der Wohnung hat sich trotz geschlossener Fenster sogar eine Staubschicht auf den Büchern, die in Regalen lagen, gebildet.

Als wir nach einer kleinen Aufräumaktion in der Wohnung wegfahren wollen, treffen wir eine Nachbarin, die uns noch ihr Haus zeigt. Es ist ein älteres Ziegelsteingebäude. Im Innenbereich ist der Verputz bereits bis auf zwei Drittel Höhe komplett abgeschlagen, der Fußboden so weit abgetragen, dass man die Oberseite des alten Kellergewölbes sieht; die Ziegelsteine samt Mörtel sind patschnass.

Obwohl wir gerne in unserer Wohnung waren, fahren wir jetzt noch lieber nach weg – wollen uns vorher aber noch die Uferpromenade ansehen.

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