Jurassic Coast – Kreidefelsen und Sandstrände

Entlang des Ärmelkanals mit der MS Deutschland – Bericht 6

Es klingt spektakulär – die Jurassic Coast in Südengland. Ein Küstenstreifen mit Aufschlüssen aus längst vergangenen Zeiten, aus dem Jura und der Kreidezeit, 185 Millionen Jahre zurückliegend. Hier geht man regelrecht auf Fossilien, bei so ziemlich jedem auf Schritt, vor allem sind es Ammoniten, Muscheln und Tintenfische, aber es sind auch Überreste der Dinosaurier.

1811 wurde hier von einem Mädchen das erste komplett erhaltene Skelett eines Ichthyosaurus gefunden – eine Sensation, auch deshalb, weil das Thema Evolution erst weit später kam, und man daran glaubte, dass Gott die Tiere am fünften und sechsten Schöpfungstag schuf. Da passte dieses Skelett in kein bekanntes Raster.

Unser Schiff fährt frühmorgens vorbei an Southampton, umrundet die Isle of Wright und fährt etwas weiter entlang der Küste – und diese ist geprägt durch eine weiße Steilküste, Kreide und Kalk, viel weißer als die dafür bekannten Klippen von Dover, an denen wir tags zuvor gestanden sind. Eine enge Einfahrt führt in die Bucht von Poole hinein. Poole – das ist eine kaum bekannte Kleinstadt an der Küste Südenglands, tief in der Bucht gelegen.

Vom Anleger des Kreuzfahrtschiffes geht es entlang der Hafenanlagen, zunächst durch ein kleines Industriegelände, dominierend eine Werft für Luxusyachten, Sunseeker Shipyards, in unterschiedlichsten Graden der Fertigstellung, fast alle glänzend in fast blendendem, strahlenden Weiß, einige in tiefen Meerblau.

Über die Brücke geht es zur Uferpromenade, an der am Morgen noch ziemlich verschlafene Stimmung herrscht, vor allem an den hier liegenden Ausflugsbooten.

Im Ortskern präsentiert sich Poole als typisches südenglisches Städtchen, mit den schmalen, engen Straßen, gesäumt von Gebäuden in unterschiedlichstem Stil.

Entlang der Uferpromenade sind es Pubs, Restaurants, Souvenirgeschäfte, traditionelle Hotels, fast so typisch, als wäre alles dem nachempfunden, was so als Klischee eines englischen Städtchens im Kopf vorherrschen mag, seien es die Baustile, die Beschriftungen oder die Speisekarten.

Aber das täuscht – es ist nicht ein Klischee, der Ort ist im Altstadtbereich tatsächlich so. Auch die Hauptstraße des kleinen Ortes ist gesäumt von Häusern, wie man sie im englischen Zuckerbäckerstil so erwartet. Im Erdgeschoss kleine Läden, Restaurants, Cafès, an manchen Gebäuden nagt der Zahn der Zeit, und auch geschlossene Geschäfte finden sich, aber alles macht den Eindruck, als wäre durchwegs der englische Alltag noch ziemlich herkömmlich in vollem Gange. Nur im Hintergrund zeigten sich einige wenige eher unpassend scheinende Neubauten.

Immer wieder lohnt es sich, in eines der Lädelchen oder in ein Cafè hineinzuschauen. Mal ist ein Bonbonladen zu entdecken mit Bonbons in unglaublich vielen Formen und Farben in Gläsern und Schubern, dann ein Cafè, mal eher als Buchladen, dann als mondäner Raum, in einem Pub eine enorme Bierauswahl am Zapfhahn, oder in einem Spielwarenladen eine fast skurrile Mischung an Plastikfiguren, irgendwelchen Comic-Heften entsprungen. Sehr praktisch klingt der Aushang eines Pubs – hier können die Frauen ihre Männer abgeben, solange sie shoppen sind.

Irgendwann entdecken wir zwischen all den Gebäuden einen schmalen Zugang zu einem nicht direkt an der Straße liegenden Tea-Room, überschrieben mit The Courtyard Tea-Rooms; an der Stelltafel werden hausgemachte Scones angekündigt. Eine kurze Gasse, eher ein Zugang zu einem Wohnhaus, und wir stehen dann auch in einem solchen, im Erdgeschoss ist der Tea-Room untergebracht, serviert wird auch im Mini-Garten. Etwas für uns – wir genießen leckere Scones mit Clotted Cream und Marmelade, und nicht ganz stilgemäß einen Cappuccino.

Es geht weiter durch das Städtchen. Eine kleine Straße reiht sich an die nächste, und immer wieder die Häuser, wie man sie in England erwartet.

Eine Infotafel an einer ziemlich ungewöhnlicher Bauweise errichtete Gebäudezeile weist darauf hin, dass dies Armenwohnungen sind – mit einer ziemlich langfristigen Bindung, im Jahre 1550 in der Nutzung festgelegt für 500 Jahre!

Fast schon bezeichnend führt die Straße auf eher prächtigere Wohnhäuser um den Kirchplatz und das Rathaus herum zu – hohe Fenster, die deutlich höhere Wohnräume erkennen lassen als die normalen Stadthäuser, und rund um die Gebäude gepflegte Gärten. Der Schnickschnack auf den Fensterbänken, der ändert sich jedoch nicht.

Wie immer zeigt es sich einfach als informativ und zugleich schön, herumzuschlendern und Eindrücke zu sammeln, Atmosphäre zu schnuppern und so ein wenig über das Leben in einer solchen Stadt nachzudenken.

Nach dem Rundgang beschließen wir für den Nachmittag, das Küstenboot zu nehmen, die Verbindung über das Meer zum Nachbarort; es fährt durch die Bucht, dann eine Strecke entlang der Klippen der Jurassic Coast. In Swanage, etwa eine Bootsstunde entfernt, wird wieder umgedreht und zurückkehrt nach Poole. Bei der Ausfahrt aus dem Hafen geht es vorbei an der MS Deutschland und an einigen Ausflugsbooten.

Die Fischerboote, die den Hafen ansteuern, werden zum Teil von Möwenschwärmen begleitet – die Vögel haben anscheinend gelernt, bei welchen Booten etwas zu haben ist.

Bei der Ausfahrt zeigt sich die Bucht als ein weitläufiges Gebiet mit überraschend vielen kleinen und größeren Inseln und Sandbänken. Das Wasser schimmert in vielfältigsten Blautönen, je nach Tiefe und Sonneneinstrahlung, von tiefem Blau-Schwarz bis zu einem grünlichen Türkis. Vom kleinen Schiff aus zeigt sich die Bucht von Poole noch einmal ganz anders. Wir fahren entlang langer, breiter Sandstrände, anmutend als wäre man irgendwo im Süden.

Dann kommt eine kleinere Insel mit Baumbestand. Vorbei geht es an Brownsea Island, der Insel, auf der die Pfadfinderbewegung gegründet wurde. Auf der Insel ein großes altes Herrenhaus.

Dann wieder Sandstrand, und oft Sandbänke, auf denen sich viele Vögel aufhalten.

Aus der Bucht geht es hinaus – und dann heißt es etwas mehr Wellen und Landschaft pur, am Ufer zunächst noch grüne Hügel, dann die weiße Steilküste, die Abbrüche bis zu einhundert Meter hoch, in den ungewöhnlichsten Formen. Die Felswände sind oft so versetzt ausgewaschen, dass bereits nach wenigen Minuten Fahrt der Eindruck entsteht, man sehe man einen völlig anderen Felsen.

Immer wieder überraschen die weißen Kreide- und Kalksteinformationen, ziemlich wild durch das Meer geformt, mit immer wieder neuen Perspektiven. An weiter ins Meer hineinragenden Klippen hat die Brandung dem weichen Gestein so zugesetzt, dass für sich stehende kleine Felsformationen entstanden sind, umspült von Wasser. Immer dann, wenn unser Boot ein wenig weiter vom Küstenverlauf wegfährt weiß man, dass unter der Wasseroberfläche wohl ziemlich viel Felsabbruch schlummert, sich wahrscheinlich wegen dem porösen Material dauernd ändernd.

Kurzer Stop in Swanage, an einem recht altertümlichen Steg, rechts und links des Ortes reichen Wiesenflächen bis ans Wasser heran, danach folgt gleich wieder die Steilküste, für uns ein Spiel der Farbkontraste, hellblauer Himmel, ein grüner Wiesenstreifen oben auf den Klippen, die weißen Klippen, davor das intensiv blaue Meer, je nach Sonnenstand fast bis in intensives blauschwarz umschlagend.

Auf dem Rückweg ändert sich die Strecke ein wenig. Das Boot geht zunächst noch an der Einfahrt zur Bucht von Poole vorbei, Richtung Ost, und dann das Ufer entlang des schmalen Landstreifens, der die Bucht vom Meer trennt, zurück zum Ort. Das Fleckchen Erde nennt sich Sandbanks; es ist fast eine Halbinsel – anscheinend gehört dieses schmale Stück Land zu den teuersten Wohnstandorten nicht nur Englands, sondern der Welt, mit eng stehenden Villen von Menschen mit klangvollen Namen; eine davon soll mal John Lennon gehört haben.

Ohne Fish&Chips gegessen zu haben aus England abzureisen, das geht gar nicht. Zurück in Poole entdecken wir in einem kleinen Seitenweg, der scheint als würde er in einen Hinterhof führen, den Zugang zu einem kleinen Laden namens Harlees Pooles Quay, der oben auf der Terrasse der ersten Etage das serviert, was man bei einem Aufenthalt in England wenigstens ein mal gegessen haben muss.

Den Zugang entdecken anscheinend nur wenige, die Terrasse zum Hafen hin ist wie für uns freigehalten – und so genießen wir wirklich leckerste Fisch&Chips mit Ausblick auf das Geschehen rundherum, von oben auf der ersten Etage.

Nach der Fahrt ist noch etwas Zeit für einen abschließenden Spaziergang und für das örtliche Museum, untergebracht in einem ehemaligen Lagerhaus, modern ergänzt – eine kleine und doch eindrucksvolle Sammlung zum Alltagsleben in Poole, Fischerei und Schmuggel, Haushalt und Einkaufen, auch so ungewöhnliche Dinge wie ein Zahnarztstuhl aus den 50er-Jahren mit Riemenantrieb für den Bohrer, oder Prospekte und Postkarten aus der Anfangszeit des Tourismus an der englischen Südküste.

Wer nicht auf Küstenfahrt geht, für den ist Poole idealer Ausgangspunkt für Fahrten durch die idyllische Landschaft von Dorset, zum Steinkreis von Stonehenge oder nach Salisbury mit der berühmten Kathedrale – für uns war aber bei diesem Aufenthalt das idyllische Poole und die atemberaubende Jurassic Coast angesagt. Am Abend geht es weiter, hinaus aus der Bucht, quer über den Ärmelkanal.

Auf der nächsten Etappe unserer Reise gibt es dann wieder etwas besonderes – eine Flusskreuzfahrt mit dem Hochseeschiff, auf der Seine.

(#England, #Südengland, #Natur)

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