Hanoi – Pagoden und der Literatur-Tempel

1000jährige lebendige Vergangenheit

Vietnam- und Kambodscha-Reise,
Bericht 10

Kontrastreicher kann sich Vietnams Vergangenheit und Gegenwart kaum zeigen. Direkt nebeneinander liegen die Wohngebäude, in denen Ho Chi Minh lebte und das Mausoleum, in dem er verehrt wird, das kommunistische Vietnam, und die älteste Pagode Vietnams mit Lotusblütenteich und einer kleinen, reich geschmückten Tempelanlage, das religiöse Vietnam – und im kleinen Park am Tempel befindet sich ein Bindeglied, ein Bodhi Baum – der Baum der Erleuchtung Buddhas. Ho Chi Minh erhielt bei einem Besuch in Indien in Bodhgaya einen Ableger desjenigen Baumes, unter dem Buddha seine Erleuchtung fand, und pflanzte ihn hier neben die Pagode.

Die Ein-Säulen-Pagode Chùa Một Cột aus dem 11. Jahrhundert wird oft auch als eines der Wahrzeichen von Hanoi bezeichnet.

Die kleine, in Form einer Lotusblüte erstellte Pagode, steht in einem Lotusblütenteich. Wir wundern uns etwas – so richtig nach 11. Jahrhundert sieht das Bauwerk nicht aus, weder der Aufstieg noch der Holzaufbau, und vor allem nicht der massive Betonsockel, die Säule. Aber wie immer gibt es die vietnamesische Erklärung: Das Bauwerk wurde öfters zerstört, zuletzt 1954 beim Abzug der Franzosen im Indochinakrieg, und immer wieder aufgebaut.

Im Park rundherum stehen viele Verkaufsstände mit allerhand Andenken; an einigen Mauern ringsum gibt es buddhistische Belehrungstafeln zum richtigen Verhalten, mit drastisch-bildhafter Darstellung der Folgen guten oder schlechten Handelns.

Prächtig in Gold und Rotlack glänzend steht nebenan ein kleiner Tempel, die Chua Dien Huu Pagode, die ebenso wie die Ein-Säulen-Pagode im 11. Jahrhundert entstanden ist. Durch das Tor, das bei unserem Aufenthalt noch mit einem großen Transparent mit Wünschen für ein frohes neues Jahr überspannt ist, geht es hinein in den Innenhof. Zentrales Thema in diesem Tempel sind Barmherzigkeit und Mitgefühl, und dies wird gleich mit zwei Bodhisattva, so etwas wie Heilige im Buddhismus, vermittelt.

Mitten im Hof steht eine Statue – es ist Quan Am, ein Bodhisattva, der der ostasiatischen Tradition zuzurechnen ist. Im Tempelgebäude sind dann mehrere Schreine zu sehen, reich verziert, überall Fahnen, Skulpturen, herrliche Verzierungen, und unübersehbar dazwischen die unterschiedlichsten Opfergaben. Im Mittelpunkt steht der Hauptschrein mit dem aus indischen Wurzeln stammenden Bodhisattva, Avalokiteśvara, dem man die hinduistische Tradition ansieht.

Vor den Altären sind Opfergaben für alle Lebenslagen zu sehen – ob Früchte, Kekse, Konservendosen, Hemden, Spielzeug oder Flachbildschirm, die hochwertigeren Dinge oft als Papiermodelle. Es wird all das geopfert von dem man ausgeht, dass es gebraucht werden könnte. In diesem Tempel sehen wir auch wieder die merkwürdig aussehende Zitrusfrucht, die wir als Opfergabe noch in vielen Tempeln sehen werden. Sie wird Buddhas Finger genannt – und nach kurzer Recherche stellt sich heraus, dass es sich um eine bei uns nicht sonderlich bekannte Zitronat-Zitrone handelt.

Schon vom Tempel aus hat man den Blick auf ein modernes, wuchtiges, großes Gebäude, das Ho Chi Minh-Museum. Hier wird die Lebensgeschichte Ho Chi Minh‘ vorgestellt, einhergehend mit einer ausführlichen Darstellung der Geschichte des Landes in dieser Zeit – vom Aufwachsen Ho Chi Minh’s in einfachen Verhältnissen auf dem Land, den Revolutionsjahren und der Staatsgründung, dem Krieg und den Sieg über den Süden, schließlich die Vereinigung und Konsolidierung des Landes.

Unser kleiner Bus fährt uns weiter zum Literaturtempel „Văn Miếu“ – eine weitläufige Tempelanlage mitten in der Stadt, die Konfuzius gewidmet ist, zugleich die Kaiserliche Akademie, die erste Universität des Landes, gegründet bereits im 11. Jahrhundert. Hier wurden über Jahrhunderte, bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts, die Eliten des Landes ausgebildet. Die Straße vor dem Gebäude war erstaunlicherweise schon zu diesen Zeiten so etwas wie eine Fußgängerzone – am einen Ende der Straße steht eine große Stele mit dem Symbol, dass hier vom Pferd abgestiegen werden muss, und am anderen Ende der Straße die Stele, dass wieder aufgestiegen werden darf.

Auffallend ist, dass sonst in der Stadt nur recht wenige westlich aussehende Touristen unterwegs sind, aber hier am Literaturtempel dagegen deutlich mehr. Auffallend ist auch die Polizei, die aber eher lockere Präsenz zeigt, ganz im Unterschied zum stramm stehenden Militär, das wir zuvor gesehen haben. Anscheinend ist dieser Tempel auch ein beliebtes Ausflugsziel der Vietnamesen – vor dem Tempel Schulklassen, drinnen noch mehr. Auf den Dächern des Tores vor uns sitzen unzählige Drachen, wie auch auf allen anderen Dächern der Tempelanlage – der Drache ist das wichtigste Symboltier, er steht für Glück, Weisheit, Stärke und Macht. Es geht hinein, in den ersten Innenhof.

Und schon wieder ist man angekommen in der jüngeren Vergangenheit. Es eröffnet sich nicht die erwartete Tempelanlage, sondern eine ruhige schöne Parkanlage mit mehreren Innenhöfen. Das, was es hier einmal gab, ist so ziemlich alles im Indochinakrieg und im Vietnamkrieg zerstört worden; einige der Gebäude und die Mauern wurden nach den Kriegen wieder in alter, zumindest ähnlicher Form wieder aufgebaut. Aus früheren Zeiten erhalten sind nur noch einige der Tore und Mauern. Ein kleines Modell zeigt, was hier an Gebäuden einmal stand – leider lässt es sich bei den Lichtverhältnissen nur sehr schlecht fotografieren.

An dem Tag, an dem wir da sind, ist allerdings alles weniger ruhig, sondern ziemlich belebt: Studentinnen und Studenten in Festtags- oder in Doktorandenkleidung feiern heute ihren Studienabschluss und lassen sich im ehrwürdigen Rahmen fotografieren. Die beiden Mönche im Hof wirken fast deplatziert.

Die Mittelachse der Anlage, bis hin zu Schrein des Konfuzius, durchzieht durch mehrere Tore hindurch ein breiterer Weg, mit Abstand parallel links und rechts davon ein schmalerer Weg. Dementsprechend haben die Tore mittig ein großes Portal, links und rechts kleinere, weiter daneben noch einen Durchgang – alles entsprechend einer klaren Regelung. Der Mittelweg war ausschließlich dem Monarchen vorbehalten, die kleinen Tore den Mandarinen, auf der einen Seite die administrativen, auf der anderen die militärischen. Über dem Haupttor hängt eine große Bronzeglocke, mit der wichtige Personen angekündigt wurden – und diese Glocke durfte nur von den Mönchen geschlagen werden.

Im dritten Innenhof gibt es dann die wichtigsten erhaltenen Zeugnisse der Vergangenheit dieser Anlage, die noch vorhandenen 82 großen Steinstelen aus dem 15. bis 18. Jahrhundert, die alle auf Sockeln in Form von Schildkröten stehen – dem Symbol für Weisheit, Ausdauer, Langlebigkeit. Vier heilige Tiere gibt es in Vietnam; hier im Tempel fallen uns insbesondere der Drache und die Schildkröte auf. Begegnet sind uns schon das Einhorn, das für Intelligenz, Glück, Friedfertigkeit und Gerechtigkeit steht, und der Phönix, der für Schönheit, Anmut, Güte, auch Wiedergeburt.

Auf den Stelen sind die Absolventen der Hochschule samt Abschlussnote festgehalten, auf jeder Tafel ein Jahrgang. Die Prüfungen sollen die denkbar schwersten gewesen sein. Von etwa 1800 für die Prüfung zugelassenen Studenten sollen immer nur weniger als zehn bestanden haben, für höchste staatliche Dienste – aber schon die Zulassung zur Teilnahme soll von hoher Bedeutung und karrierefördernd gewesen sein. An diesen Stelen zeigt sich auch, dass vietnamesisch lange Zeit keine Sprache mit eigener Schrift war. Bis ins 13. Jahrhundert wurden chinesische Schriftzeichen genutzt, danach eine an diese Schriftzeichen angelehnte Schrift. Im 17. Jahrhundert entwickelte ein französischer Missionar eine Systematik für Vietnamesisch auf Basis des lateinischen Alphabets; diese Zeichen wurden im 19. Jahrhundert immer mehr als Schriftsprache genutzt. Erst 1945 wurde von der Ho Chi Minh-Regierung diese Schrift zur vietnamesischen Schrift erklärt – uns damit ist Vietnam der einzige Staat in Asien, der eine westlich geprägte Schrift und nicht die sonst im asiatischen Bereich angewendeten bildhaften Zeichen nutzt.

An einem Nebengebäude stehen einige Figuren, natürlich auch ein Drache herum, Utensilien von einem Wasserpuppentheater – einen interessanten Kontrast bieten die ebenso hier abgestellten Feuerlöscher.

Das Zentrum der Tempelanlage liegt im vierten Innenhof; all die Studierenden, die sich versammelt haben, stellen sich für die Erinnerungsfotos vor der Pagode mit den Altären für Konfuzius und seinen Schülern auf.

Vorbei an all denen, die für Fotos posieren, geht es hinein in den Konfuzius-Tempel, zu den Altären. Im Vorraum stehen wieder Altäre mit Opfergaben und Schalen mit Räucherstäben, auch Figuren, darunter zum Beispiel ein überlebensgroßer Vogel, der auf einer Schildkröte steht. Uns fällt auf, dass Schildkröte und Vogel durchaus Patina haben, aber der Kopf der Schildkröte und die Brust des Vogels bronze-golden glänzt – und dann sehen wir, dass sich immer wieder einmal jemand bückt und die Schildkröte streichelt. Muss also irgendwie Glück bringen.

Im Hauptbereich ist der Raum für uns überraschend etwas abgedunkelt. Hier steht zentral eine Konfuzius-Statue, umrahmt von seinen wichtigsten Schülern, und weitere Statuen von Schülern befinden sich auf zwei seitlichen Nebenaltären.

Der fünfte Innenhof, den wir dann sehen, ist bereits für Feierlichkeiten hergerichtet. Hier standen einmal die Schulräume und Schlafsäle, Gedenkräume und auch ein Lagerhaus für Holzdruckblöcke der alten Kaiserlichen Akademie – aber das alles wurde 1946 im Indochina-Krieg zerstört. Heute steht hier hinter der Bühne, die wir gesehen haben, eine Rekonstruktion, die für besondere Anlässe genutzt wird.

Das war ziemlich viel Programm für einen Vormittag. Für uns geht es jetzt durch die Stadt zu einem etwas verspäteten Mittagessen, und am Nachmittag startet die Fahrt zur Halong Bucht, das Thema unseres nächsten Reiseberichts.

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