Hanoi bei Nacht

Straßenmarkt und ein besonderes Essen

Vietnam- und Kambodscha-Reise,
Bericht 17

Es ist spät geworden, als die Veranstaltung im Wasserpuppentheater zu Ende ist. Gleich beim Ausgang sehen wir die rote Brücke The Huc, nun bei Nacht, jetzt auch strahlend rot beleuchtet. Draußen ist es bereits richtig dunkel. Auf der Straße, in den Geschäften und den kleinen Restaurants entlang der Straße ist fast noch mehr los wie tagsüber.

Wir spazieren entlang der geschäftigen Straßen in Richtung Hotel, bei ziemlich schummrigen Lichtverhältnissen, die sich durch die nicht sonderlich hellen Straßenlaternen und dem wenigen Licht, was aus den Läden nach außen dringt, ergeben. Aber die Szenerie macht uns neugierig, uns so beschließen wir, noch einen längeren Nachtspaziergang durch Hanoi zu machen, und vielleicht auch unterwegs irgendwo etwas zu essen.

Auf den Fußgängerwegen ist kaum Platz, es wird gehandelt und gegessen oder das Moped abgestellt. Auf den Straßen herrscht dichter Betrieb; wir wundern uns, dass bei all dem Gewusel von Mopeds, Autos, Fahrrädern und Fußgängern kreuz und quer auf kleinen wie großen Straßen doch alles zügig voran geht – und wir immer eine Möglichkeit finden, irgendwie zwischendurch von einer Straßenseite zur anderen zu gelangen.

Überall gibt es Kleinigkeiten zum Essen, gekocht, gedämpft, frittiert. Einiges kommt bekannt vor, anderes eher fremd. Frühlingsrollen frisch oder frittiert kennt man; was aber in den ebenso zubereiteten Bällchen drin ist, kann man nicht einmal erraten, ob Fisch, Fleisch, Tofu, Gemüse oder was auch immer. Sehr ungewöhnlich sehen einige der Getränke aus, die da ausgeschenkt werden; mal klare, mal milchig-trübe Flüssigkeit, und drin schwimmen mal weißer oder schwarzer oder auch schrill-farbiger Glibber und ein paar Bohnen.

Unzählige solcher kleiner Garküchen haben geöffnet. Im Sitzen oder Stehen wird gekocht, gebraten, gegessen – anscheinend geht man gerne zum Abendessen aus, zusammen, oder ist zumindest beim Essen gerne dort, wo auch viele andere Menschen sind.

An einem der Stände probieren wir so eine Art Dampfnudeln, die mit einer Paste gefüllt sind. An einigen Ständen werden Becher mit für uns abenteuerlich aussehendem Nachtisch oder Cocktails mit irgendwelchen schwimmenden Einlagen verkauft – aber hier schauen wir eher neugierig, so richtig trauen wir uns an das nicht ran.

Die Stadt zeigt sich am Abend noch mehr als eine nächtliche, aber doch bunte Mischung des Alltagslebens. Viele Menschen sind unterwegs, stehen zusammen, unterhalten sich, kaufen ein, essen. Garküchen, kleine Restaurants, Blumenläden, Apotheken, Elektrogeschäfte, Lebensmittelhändler – alles geöffnet und gut durchmischt in den Straßen zu sehen und zu erleben. Auf den Gehsteigen wird verkauft – Obst, Gemüse, Fleisch, Eier oder was auch immer; in einigen Straßen ist richtiger Straßenmarkt. Und überall ist dichtes Gewusel – Menschen, Moped, Fahrräder, Rikschas, Autos.

Auf dem Nachtmarkt wird noch rege verkauft, Gemüse, Obst, Eier, Fleisch. An einigen Ständen wedeln die Verkäuferinnen heftig mit Zeitungen – die Mücken sind zu verscheuchen. Der Blumenmarkt befindet sich langsam in Auflösung.

Wir wollen gerne auch noch zu Abend essen, aber nicht in irgend einem Hotel oder Restaurant, sondern an einem der vielen kleinen Stände entlang der Straßen, die manchmal kleine Plastikhocker, hoch wie bei uns ein kleiner Fußschemel, und -tische haben – irgendwann haben wir mitbekommen, dass das schon so ein kleiner Luxus sei, Anpassung an den Westen. Vietnamesen könnten stundenlang in tiefer Hocke sitzen und brauchen eigentlich keinen Stuhl. Wir sehen vor allem auf den Märkten einige, die das tun – und wundern uns, wie sie so tief hinunterkommen, dann still sitzen können, dabei weder umkippen noch schaukeln, sondern essen und arbeiten, und dann wieder ganz locker aufstehen, ohne sich irgendwo festzuhalten. Junge Leute, alte Leute. Vietnamesen gehen übrigens auch höchst ungern zu Fuß, erfahren wir – sind einige wenige Schritte zu tun, geht es auf’s Moped.

Aber nun zu unserem Abendessen. Wir entdecken in einer Seitenstraße im Halbdunkel so etwas wie eine Mischung von Garküche und Minirestaurant, soweit man die rundherum aufgestellten Hocker und Tischchen so zusammenfasst. Die Plätze sind ziemlich voll belegt, vor allem junge Leute sitzen hier und essen. Alle sind in Ausgehkleidung, nur Einheimische, soweit wir das erkennen können.

An einem Tischchen neben zwei jungen Frauen finden wir Platz. Die Speisekarte ist eher abenteuerlich, nicht sehr vielfältig, aber den vielen Flecken und abgenutzten Ecken nach gut in Gebrauch.

Es gibt eine Art „Do-it-yourself“-Küche – ein kleiner Kocher auf dem Tisch, die rohen Zutaten nach Karte bestellt, dazu bekommt man Pasten und Soßen, und dann wird selbst gebruzzelt. Wirklich lecker. Beim Füße umstapeln, weil ich doch sehr zusammengeklappt sitze, schlage ich noch so an den Tisch, dass Lydia eine volle Portion Öl über die Bluse bekommt. Mit den Mädchen nebenan entsteht während des Essens immer mal Lächel-Kontakt, dann irgendwann die Frage, wer woher kommt.

Mehr ist leider sprachlich nicht drin. Sie sprechen kaum Englisch, und unser Englisch verstehen sie fast nicht, aber wir bekommen irgendwie mit, dass sie eine Idee haben – Mobiltelefone und der Google-Translator machen es möglich. Eines der Mädchen zückt das Handy, schreibt vietnamesisch rein – englisch kommt raus. Ich schreibe englisch – vietnamesisch kommt raus. Und schon ist unsere Schmalspur-Kommunikation hergestellt und wir können uns ein wenig austauschen – und gegen ein Foto gibt es nichts einzuwenden.

Aber auch an diesem Abend holt uns die Vergangenheit Vietnams wieder ein. Ein Bettler, dem eine Mine beide Füße weggerissen hat, bewegt sich die Straße entlang und verkauft Papiertaschentücher. Er hat ein kleines Brett mit kleinen Aufsatzfüßen dabei, auf dem er mit dem beinlosen Unterkörper sitzt. Um sich fortzubewegen, hangelt er sich mit den Armen nach vorne, zieht das Brettchen nach und setzt sich darauf. Man muss diesen Mann bewundern, der sein Schicksal so beherzt angeht, und den dieser Schicksalsschlag zwingt, sich so durch die Stadt zu bewegen auf der Suche nach Essen, um zu Überleben. Es sind nur kleine Scheine, die er erhält – aber fast jeder gibt etwas, und nirgendwo hat man den Eindruck, dass er als lästig wahrgenommen wird; ihm wird geholfen. Es ist ungewöhnlich, aber trotz des Bettlers verändert sich die Atmosphäre nicht, und die Menschen sind allesamt freundlich, winken, lächeln, freuen sich.

Für uns heißt es danach noch eine Nacht noch im Hotel, und frühmorgens wird unser Flug nach Hue gehen.

Und im nächsten nächsten Reisebericht wird es dann um unsere ersten Entdeckungen in der alten Kaiserstadt Hue gehen.

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