Hué und die höchste Pagode Vietnams

Drachenboote, Mönchs-Protest, Ankunft am Kaiserpalast

Vietnam- und Kambodscha-Reise,
Bericht 19

Bevor wir die Innenstadt von Hué ansteuern, geht es etwas entlang dem Sông Hương, dem Parfum-Fluss. Wir fahren noch zur Thien Mu Pagode, die direkt am Fluss liegt, und die mit einer besonderen Geschichte verbunden ist, die ihr zusätzliche besondere Bedeutung gibt – nicht nur für die Region, sondern für ganz Vietnam. Auf dem Fluss sehen wir schon einige Drachenboote. Unser Bus parkt direkt am Ufer bei der Pagode, und wir haben noch einen Blick auf die bunten Drachenboote, die hier angelegt haben.

Die Thien Mu Pagode, die oft auch als Säulenpagode bezeichnet wird, ist die die höchste Pagode Vietnams – ihren Namen trägt sie wegen des Eingangsturms, der 27 Meter in den Himmel ragt, ein Oktagaon, sieben Etagen hoch – die sieben Stufen der Reinkarnation Buddhas.

Entstanden ist die Anlage bereits 1601, der Turm selbst stammt in seiner jetzigen Form aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Und um die Entstehung der Pagode gibt es, wie bei so vielen Sehenswürdigkeiten im Land, eine Legende. Der damalige Kaiser Nguyen Hoang ließ sie anscheinend errichten, weil er von einer Legende hörte, nach der eine alte Frau immer wieder auf einem Hügel erschien und prophezeite, dass ein großer Herrscher genau an diesem Ort eine besondere Pagode als Symbol des Friedens errichten wurde – und so entstand diese Pagode, die auch als Pagode der Himmelsgöttin bezeichnet wird.

Viele Stufen steigen wir zur Pagode hinauf auf den Hügel. Am Turm geht es hinein in die recht große Tempelanlage. Neben dem Turm hängt in einem der Bauwerke eine riesige, reich verzierte Glocke, die 1710 für die Pagode angefertigt worden ist; sie ist etwa zweieinhalb Meter hoch, soll über zwei Tonnen wiegen, ihr Klang soll bis auf eine Entfernung von 10 Kilometern zu hören sein. Im Gebäude auf der Gegenseite befindet sich eine ebenso riesige bronzene Schildkröte, eines der heiligen Tiere, die sehr verehrt werden, wie der goldglänzende Kopf des Tieres zeigt, der im Unterschied zum sonstigen Tier, das Patina angesetzt hat, sicherlich häufig gestreichelt wird.

Das ganze Areal auf dem Hügel vermittelt den Eindruck einer sehr gepflegten Tempelanlage mit kleineren, besonderen Gebäuden, schönen und ruhigen Gärten, altem Baumbestand, Fischteichen und kleinen Plätzen, gestaltet mit vielen verschiedenen Bonsais und Kultgegenständen. Wir sehen einige Mönche und erfahren, dass die Anlage immer noch aktives Kloster ist.

Irgendwie merkwürdig anmutend ist es, dass in der Parkanlage rund um das Kloster viele sogenannte Kanonenkugelbäume stehen, die prächtig blühen und zugleich auch Früchte tragen, die so aussehen, wie die Bäume heißen. Noch mehr fallen die enorm großen Früchte an den Jackfruit-Bäumen auf, die bis zu einem Meter lang und 50 Kilo schwer werden können – diejenigen, die wir sehen, sind noch nicht reif, aber doch schon groß wie reife Wassermelonen.

Große Bedeutung hat das Kloster, zu dem diese Pagode gehört, noch in anderer Hinsicht. Das in Südvietnam von Katholiken gestellte diktatorisch von 1955 bis 1963 regierende Regime von Ngo Dinh Diem bevorzugte nicht nur die Katholiken, sondern unterdrückte die Glaubensausübung der Buddhisten bis hin zum Verbot der Nutzung ihrer Symbole. Die Mönche nahmen dies lange hin; bei einer Konferenz in diesem Kloster entschieden sie sich jedoch zum Widerstand.

Einer der Mönche, Thich Quang Duc, entschied sich als Protest zu einer Selbstverbrennung – geschehen dann in Saigon 1963. Der hellblaue Austin, mit dem er sich nach Saigon fahren ließ, ist im Kloster ausgestellt; hinter der Windschutzscheibe liegt das Foto von diesem Ereignis. Eine schreckliche Aktion mit großer öffentlicher Wirkung, die den Widerstand der Bevölkerung gegen das Regime in Südvietnam weiter verstärkte.

Es geht weiter. Unterwegs erfahren wir von unserem neuen vietnamesischen Begleiter einiges über die Stadt, aber vor allem das aus seiner Sicht Wichtigste, das uns über die nächsten Tage begleiten wird: In Vietnam gibt es alle erdenklichen Glaubensrichtungen, davon viele ziemlich variantenreich bunt untereinander gemischt, die Glaubensangehörigen auch nicht stoisch einer Religion verbunden; sie hätten keine Probleme, zum Beispiel katholisch zu sein und zugleich irgendwelchen anderen Gottheiten zu huldigen. Aber viel wichtiger sei, dass so ziemlich jeder an irgendwelche Geister glauben würde, die überall „lauern“. Daher gäbe es viele Schutzsymbole, zum Beispiel an Haustüren.

In Tempeln und Pagoden würden Opfergaben dargebracht. Ladengeschäfte ebenso wie Privathäuser hätten Hausaltäre. Bei Tempeln und Pagoden gebe es Vorgaben, wie viele Stufen an welcher Stelle angebracht werden dürfen und in welcher Körperhaltung diese überschritten werden dürfen. Frühmorgens und am Abend würden Räucherstäbchen zum glimmen gebracht, angezündet an Papier, das mit Wünschen beschriftet wurde, auch für die Ahnen. An kleinen Altären im Haus gelte das für die Familie, auf der Straße allgemein allen, die die Wünsche benötigen, in einigen Orten vor allem für diejenigen, die in der Straße während des Vietnamkrieges gestorben sind. Hilfe, Abwehr, Wünsche, Glück, alles gut und bunt gemischt, für alle Lebenslagen etwas.

Wir fahren weiter in Richtung Stadtmitte. Hué ist eine der alten Kaiserstädte Vietnams, beherrscht von einer riesigen Zitadelle, einer Festungsanlage mit mehrfachem Mauersystem, Schutzbauten, wenigen Toren, von Wassergräben durchzogen und umschlossen.

Die Zitadelle mitten in der Stadt zu umrunden heißt heute noch, einen langen Weg zu machen, den man nur an wenigen Stellen ein wenig abkürzen kann. Die Mauer soll etwa 10 km lang sein, samt aller Ecken und Kanten; wer auf den gerade angelegten Straßen drumherum läuft, hat etwa 6 km zu bewältigen. In der Zitadelle war Platz für die Wohnbevölkerung und Geschäfte; auch heute noch ist das so. Weitaus mehr Interesse wecken jedoch der in der Zitadelle liegende Kaiserpalast und die verbotene Stadt.

Die Hauptstraße in Hué führt entlang der Mauern der riesigen mächtigen Zitadellenanlage, die mit breitem Wassergraben umrandet ist und nur über wenige Eingangstore verfügt. Wir fahren zum wichtigsten Eingangstor, ein unübersehbar massives Bauwerk, auf dem die vietnamesische rote Fahne weht. Dieses Tor führt direkt zum historisch wichtigsten Bereich der Anlage, in den Kaiserpalast und innerhalb dessen in die ehemals verbotene Stadt. Vor dem Tor bestaunen wir noch ein Hochzeitspaar, das in festlicher roter Kleidung fotografiert wird.

Wir sind angekommen am Kaiserpalast, den wir jetzt besichtigen werden – und darüber wird es im nächsten Reisebericht gehen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s