Saigon oder Ho Chi Minh-Stadt?

Zwei Namen und viele Gesichter einer Stadt

Vietnam- und Kambodscha-Reise,
Bericht 30

Frühstückszeit. Wir sitzen mit unserer kleinen Gruppe auf der Terrasse, erfreuen uns am guten Wetter und dem schönen Blick auf den Fluss und die Felder, genießen am Buffet nicht nur dasjenige, was uns eher bekannt vorkommt, sondern auch einige typische vietnamesische Spezialitäten und vor allem auch die vielen frischen Früchte – Mangos, Drachenfrüchte, Longans und einiges mehr.

Hier könnte man es länger aushalten, und immer wieder einen Ausflug in die Stadt hinein machen, immer dann, wenn sich dort die Tagestouristen verabschiedet haben.

Aber es geht weiter, mit einem Inlandsflug von Vietnam Airlines, vom nahegelegenen Flughafen der Stadt Đà Nẵng aus. Mit unserem Kleinbus fahren wir zum Flughafen. Auf der Straße ist schon ziemlich viel los. Zwischen wenigen Autos wuseln unzählige Mopeds und Roller durch die Straßen. Am Straßenrand stehen einige Suppenküchen; die Mopeds und Roller halten an, Fußgänger kommen vorbei, für die Frühstücks-Suppe.

Die Abfertigung im Flughafen läuft zügig, fast wie bei einer Busfahrt. Nach kurzer Flugzeit kommen wir ziemlich im Süden Vietnams an, am Flughafen SGN-Saigon.

Noch stellen wir uns die Frage, wohin wir eigentlich geflogen sind – nach Saigon oder nach Ho Chi Minh-Stadt? Das Ziel ist dasselbe, aber der eine Name dieser Stadt, Saigon, liegt weit in einer nicht immer rühmlichen südvietnamesischen Vergangenheit zurück, und der andere Name, Ho Chi Minh-Stadt, kann auch nachdenklich machen, ist aber Gegenwart und war für einen Aufbruch in die Zukunft gedacht. Nach dem Vietnamkrieg wurde Saigon 1976 umbenannt in Ho Chi Minh-Stadt – Vergangenheitsbewältigung, Verehrung und Würdigung für denjenigen, der im Land mit seinem Namen für den Aufbruch aus dem Kolonialismus und für die Einigung des Landes steht.

Vom Flughafen aus geht es durch den morgendlichen Verkehr, etwa sieben Kilometer, direkt hinein in die Stadt. Für Saigon haben wir einen neuen Reiseleiter, den wir ausgiebig zu den Lebensbedingungen in der Stadt befragen. Noch wissen wir nicht so recht, ob wir die Stadt als Ho Chi Minh-Stadt oder Saigon bezeichnen sollen. Die Antwort auf unsere diesbezügliche Frage überrascht ein wenig – wir bekommen so bei den ersten Informationen schon mit, dass die Bevölkerung in Saigon lebt, der Name der Stadt aber offiziell Ho Chi Minh-Stadt ist.

Schon wieder zeigt sich, dass auch hier die Vergangenheit des Landes präsent und nichts abgeschlossen ist, sondern sich eine Form innerer Zerrissenheit dokumentiert – zwischen Nordvietnam und Südvietnam, Politik und Alltagskultur, Regierung und Bevölkerung. Wie viele Menschen in Saigon wirklich leben, weiß auch niemand so ganz genau – die Schätzungen belaufen sich auf 18 bis 20 Millionen Menschen. Und diese Menschen sind dann in der Stadt vor allem mit Mopeds unterwegs – geschätzt werden 4 bis 5 Millionen Mopeds.

Eingeplant ist eine kleine Stadtrundfahrt mit Stadtrundgang, bevor es auf das Schiff, die Lan Diep gehen wird, mit der wir den Mekong hinauf fahren werden. Wie schon in Hanoi zeigt sich dichter Verkehr, mehr Autos, vor allem größere, und noch mehr Mopeds, mehr neuere, und auch Motorroller, selten dazwischen mal ein Fahrrad, das im Norden des Landes noch häufiger zu sehen war. Lärm und Abgase allenthalben.

Man wird den Eindruck nicht los, als habe sich in der Stadt eine merkwürdige Stadtentwicklungspolitik durchgesetzt – breite, möglichst gerade durch die Stadt führende Straßen, möglichst kompakte, eher einfach gestaltete neuere Gebäude, im Baustil gut durchmischt, dazwischen einige ältere Bauten, und mal eine Pagode, und immer wieder öffentliche Gebäude, gut erkennbar an Fahnen, Wappen und Abzeichen.

Mit goldenem Stern auf rotem Untergrund und auf Plakaten, die Mobilisierung und Engagement darstellen, grüßen immer wieder Revolution und Sieg des Nordens über den Süden.

Von den Häusern, die in er französischen Kolonialzeit gebaut wurden und die in Hanoi der Stadt auch Charme verleihen, gibt es nur noch sehr wenige. Sie sind ersetzt durch meist stillose mehr-etagige Betonbauten, meist schmal, dafür in der Bauweise in eher heillosem Durcheinander. Wie ein Fremdkörper steht manchmal ein mehr oder weniger stylisches modernes, verglastes oder verspiegeltes Mini-Hochhaus dazwischen.

Im Erdgeschoss zur Straße hin gibt es Ladengeschäfte, ungewöhnlich gemischt, vom Designergeschäft bis zur Moped-Reparatur. Entlang der Straßen knubbeln sich die Mopeds, halten und blockieren oft eine der Fahrspuren; bei genauerem Hinsehen ist meist mittendrin im Pulk irgendein mobiler Verkaufsstand zu entdecken, an dem es etwas zum Essen gibt. Im vorbeifahren sehen wir ein Geschäft, das gerade Eröffnung feiert; der Eingangsbereich entlang der Straße ist voller prächtiger Blumengestecke.

Das Leben auf den Fußgängerwegen ist weitgehend verschwunden – wenn nicht die vielen Menschen auf den Mopeds wären, würde man noch mehr vermissen. Selten sieht man Straßenverkäufer – öfters sind es Arbeiter, die irgendwo Rast machen oder Polizisten, die auf einem Gartenstuhl sitzend oder in einer Hängematte liegend den Straßenverkehr beobachten.

Die Seitenstraßen vermitteln, soweit man beim vorbei fahren hineinsieht, eher ärmliche Zustände. In Richtung Zentrum sind dann moderne Hochhäuser zu sehen, die auch in jeder anderen Stadt auch stehen könnten. Und je näher man am Zentrum ist, desto mehr ist anstelle der Alltagsbekleidung auch Business- oder Ausgehkleidung zu sehen.

An der Strecke ein kurzer Stopp, am Wiedervereinigungspalast – ein monumentaler Bau, der einst Sitz der Regierung Südvietnams war. Im Park davor stehen die beiden nordvietnamesischen Panzer, deren Vorfahrt vor das Gebäude im April 1975 die Kapitulation Südvietnams auslöste. An der Allee entlang, die wir fahren, haben nicht nur die Häuser Hausnummern, es sind auch die Bäume nummeriert, haben „Baumnummern“. Zu was das gut ist, konnte uns keiner erklären.

In der Stadtmitte liegen um einen zentralen Platz die Kathedrale, die Stadtverwaltung und die Post, drei Gebäude, die aus der französischen Kolonialzeit aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts erhalten sind. Besichtigen können wir die Kathedrale nicht – es wird renoviert.

Beeindruckend ist allerdings die Schalterhalle des Postgebäudes; ringsum die alten Schalter, an denen unter anderem Briefmarken verkauft werden, in der Mitte Verkaufsstände für Souvenirs. In der Post kaufen wir noch ein paar Briefmarken, die Auswahl ist groß und bunt, die Motive wild gemischt – Blumen, Fische, Ho Chi Minh, Trachten, Landschaften, Panzer …, darunter auch einige Briefmarken, auf denen Figuren aus dem Wasserpuppentheater vorgestellt werden, wie wir es in Hanoi gesehen haben. Welche Geschichten die jeweiligen Figuren erzählen, ist offensichtlich erkennbar.

Um den Platz herum wird von mobilen Händlern verkauft – ob Suppe, Postkarten, Haushaltswaren oder Plastikspielzeug. Am Fußgängerweg nebenan ist die „Touristenpolizei“ (wie unser vietnamesischer Reiseleiter die Polizei-Dame bezeichnet) unterwegs, die dafür sorgt, dass alles seine Ordnung hat – und zwei ältere Damen verscheucht, die es sich auf dem Weg gemütlich gemacht haben.

Uns geht es besser, was aber nicht unbedingt besser und richtig ist – für uns ist ein paar Türen weiter ein asiatisches Buffet mit allen möglichen Leckereien vorbereitet.

Nach dem Essen geht es etwas weiter in das Museum Bảo Tàng Mỹ Thuật, dem Museum für moderne Kunst, das in einer Villa, auch noch in einem Relikt aus der „alten Zeit“, eingerichtet ist. Der „Schnelldurchgang“ zeigt viele für den vietnamesischen Betrachter sicherlich eindrucksvolle und aussagekräftige Exponate; wir wundern uns eher über all das, was da ausgestellt ist.

Mit einem Bereich, der einige Ausstellungsräume umfasst, wollen wir uns dann auch nicht intensiver beschäftigen – es sind wenig angenehme Zeichnungen, die im Krieg entstanden sind, so wie es aussieht erstellt, um einschneidende Erlebnisse aufzuarbeiten. Hier Fotos zu machen haben wir vermieden. Wir blicken lieber hinunter auf die Stadt.

Auch das staatliche Museum zeigt eine ziemlich zerpflückte Sammlung, ziemlich wenige Exponate, von Handwerkskunst über Münzen bis Kriegsgerät, oder auch das Modell einer der unterirdischen Städte und Tunnelsysteme, die in Zentralvietnam während des Vietnam-Krieges entstanden. Die Briefmarken aus dieser Zeit könnten in der Darstellung der damaligen Lebenssituation nicht deutlicher sein.

Wir haben für heute genug gesehen. Unsere Rundreise mit Kleinbus und Inlandsflügen ist zu Ende – es geht weiter zur Einschiffung auf unser Schiff, die Lan Diep. Wir sind schon gespannt auf dieses doch recht kleine „Schiffchen“. Am Hafen angekommen sehen wir nur das obere Deck – es könnte auch ein nett gestaltetes Gebäude am Ufer sein.

Müde von einem vollgepackten, ziemlich anstrengenden Tag, bei der wir mit dem Flug gar die Klimazonen innerhalb Vietnams gewechselt haben, machen wir noch eine Entdeckungstour auf dem Schiff und lassen nach dem Abendessen mit Blick auf das nächtliche Saigon den Tag ausklingen.

Neben uns liegen im Hafen einige der für Asien typischen Party-Schiffe – deutlich größer als unsere Lan Diep, ausgestattet für ein abendliches Unterhaltungsprogramm, mit Tanz und Essen, hörbar auch mit Karaoke. Die Anzahl der pro Schiff vorfahrenden Busse lässt darauf schließen, dass darauf immer so etwa 500 Gäste feiern, ziemlich lautstark, wie man hört. Die Ausfahrt der Schiffe ist ein kleines Spektakel, die Einfahrt wieder, dazwischen ist Ruhe. Man kann statt dessen die Skyline von Saigon bewundern, mit buntem Lichterspiel, da einige der Wolkenkratzer laufend ihre Farbe wechseln.

Vom Schiff aus bestaunen noch einmal die nächtliche Silhouette von Saigon-Ho Chi Minh-Stadt mit dem 461 Meter hohen Tower namens Landmark 81, der in der Nacht die Farben ständig wechselnd das Stadtbild prägt.

Wir werden morgen noch einen Tag für Ho Chi Minh-Stadt haben, dann geht es weiter, den Mekong und den Tonle Sap hinauf nach Kambodscha. Bevor wir aber weiter über Ho Chi Minh-Stadt berichten, werden wir im nächsten Bericht erst einmal unser Zuhause für die nächsten knapp zwei Wochen vorstellen – das kleine Mekong-Kreuzfahrtschiff namens Lan Diep.

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